ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 126-133

ARCH+ 234

Googles dividuelle Karten 
als Grundlage einer digitalen 
Kontrollgesellschaft

Von Ahlert, Moritz

Karten sind das Ergebnis des Sammelns, Verarbeitens, Speicherns und Visualisierens raumbezogener Daten. Von der Antike bis zur Neuzeit waren sie deshalb ein wichtiges Herrschafts- und Regierungs­instrument, sie dienten der militärischen Verteidigung und Kriegs­führung, aber auch der internen Verwaltung. Mit der Heraus­bildung von Nationalstaaten ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden sie zunehmend für Propagandazwecke genutzt, um die geopolitischen Grenzen in den Köpfen der Menschen zu verfestigen und die Identi­fikation mit den Nationalstaaten zu forcieren. Im Zeitalter des Kolonialismus erweiterten Karten die Souveränität der Staaten über ihre angestammten Landesgrenzen hinaus. Die „Eroberer“ markierten mithilfe von Karten nicht nur ihre Besitz­ansprüche auf neugewonnene Territorien, sondern nutzten diese auch als geheime Archive navigatorischen Wissens, um Mutterland und Kolonie miteinander zu verbinden. Bis vor wenigen Jahrzehnten war die Kartenproduktion eine fast ausschließlich staatliche, häufig auch militärische Angelegenheit.

Karten sind daher keineswegs objektive grafische Repräsentationen oder exakte Projektionen der realen Welt. Machtdispositive und Strategien des Vereinfachens, Verzerrens, Verschweigens, der Zentralisierung und Hierarchisierung bestimmen seit jeher die kartografische Praxis.

Mit der Digitalisierung löst sich die traditionelle Verzahnung von Staat und Kartografie auf. Im Jahr 2003 argumentierte Denis Wood, ein Vertreter des kritischen Kartografiediskurses, die Karto­grafie sei tot. Die klassische Kartografie wie auch ihre Akteure hätten an Relevanz verloren, die Praxis der Kartografie werde immer demokratischer. Um dies zu unterstreichen, beschreibt er Beispiele sogenannter counter-mappings, welche aus künstlerischen und aktivistischen Praktiken entstanden. Diese Gegen-­Kartografien könnten emanzipatorisch wirken, indem sie Marginalisierten eine Stimme geben und als Transformationsinstrumente fungieren. Eine wichtige Grundlage hierfür ist die Geodatenbank OpenStreetMaps, die für jeden zugänglich und als freie, offene, partizipative Weltkarte für alle nutz- und veränderbar ist.

 

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