ARCH+ 234

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Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 146-147

ARCH+ 234

Einführung: projekt bauhaus Werkstatt / Summer School Datatopia

Von Ivanova, Victoria /  Avanessian, Armen

I.

Die projekt bauhaus Werkstatt und Summer School Datatopia nehmen das Bauhaus und die mit ihm eng verknüpfte Idee des Fortschritts aus zeitgenössischer Perspektive in den Blick. Zwar sind mit dem Bauhaus unzählige Diskursansätze verbunden, wir konzentrieren uns jedoch nicht auf die vielfach besprochenen, sichtbaren und greifbaren Bauwerke und Designartefakte, sondern wollen die Aufmerksamkeit stattdessen auf einige der grundlegenden Überlegungen und Ideen am Bauhaus richten, und zwar aus Sicht der heutigen, vom Finanzmarktkapitalismus geprägten Informationsgesellschaften.

Das Konzept für den von uns co-kuratierten Teil des Programms hat folgende Hypothese als Ausgangspunkt: Wenn man das Bauhaus unter den heutigen Rahmenbedingungen neu gründen würde, ginge es bei der übergeordneten Agenda nicht mehr darum, gesellschaftliche Prozesse durch die industrielle Fertigung von Objekten zu beeinflussen, sondern durch die Gestaltung von Verfahren und Prozessen, die unsere physischen und digitalen Infrastrukturen steuern und strukturieren.

 II.

Es ist uns bewusst, dass die universale Fortschrittsidee der Moderne, der das Bauhaus anhing, nach der sogenannten Postmoderne und mit der Durchsetzung postkolonialer Diskurse erheblich – und durchaus zu Recht – in Frage gestellt worden ist. Trotzdem liegt etwas Reizvolles, vielleicht sogar Überzeugendes und Notwendiges im Insistieren des Bauhauses auf der Forderung, dass Kunst und Gestaltung – beziehungsweise die kulturelle Produktion insgesamt – Vorgehensweisen für die Bewältigung der prägenden Dynamiken ihrer Zeit finden und zu einem aktiven (wenn auch zuweilen politisch uneindeutigen) Bestandteil ihrer Ausdrucksformen werden müssen. Den Perspektivwechsel von der Objektgestaltung und dem Kunsthandwerk hin zur Gestaltung von Verfahrensweisen und Infrastrukturen wollen wir in vier Richtungen lenken, die miteinander verschränkt sind. Den Ausgangspunkt bildet die Frage, was benötigt wird, um das Wesen heutiger Infrastrukturen zu verstehen, um so zu einem besseren Verständnis der ihnen zugrundeliegenden Logik und Funktionsweise gelangen zu können. Diese Fragestellung geht nahtlos in die Kernanliegen des Datatopia-Projekts über und dient als produktive Schnittstelle zwischen den beiden Strängen des Programms der projekt bauhaus Werkstatt und der Summer School Datatopia.

Die zweite Frage hängt zusammen mit unserem Versuch, einige nicht mehr zeitgemäße Aspekte der Fortschrittsidee der Moderne, wie sie das Bauhaus verkörpert, hinter uns zu lassen, ohne die Idee als Ganze über Bord zu werfen. Wenn wir also einige ihrer Funktionskoordinaten neu kontextualisieren und entwickeln wollen: Welches neue Verständnis von „Fortschritt“ könnten wir entwickeln? Statt dieses begriffliche Problem direkt anzugehen, ist es hilfreich, sich zunächst auf die Frage zu konzentrieren, welche Organisationsformen notwendig wären, um auf bestehende institutionelle Systeme einzuwirken.

Die letzte Frage lautet, welche Lehren aus der Geschichte des Bauhauses gezogen werden können, die neue Lesarten von dessen Vermächtnis mit Blick auf die Anliegen der Zukunft eröffnen.

III.

Im ersten Fragenkomplex geht es um die Bedeutung von Infrastrukturen für die Rolle, die künstlerische, gestalterische und architektonische Praxen bei Fragen der Governance spielen können. Keller Easterling ist eine Vordenkerin, die in den vergangenen Jahren immer wieder auf den wichtigen Zusammenhang zwischen der Raumproduktion und deren inhärentes Potential, als Vehikel für außerstaatliche Formen der Governance zu fungieren, hinwies. In ihrem 2014 erschienenen Buch Extrastatecraft – The Power of Infrastructure Space schreibt Easterling, dass dieses Potential nur freigesetzt werden kann, wenn sich das architektonische und gestalterische Denken von der Idee, „Objektformen“ zu schaffen, löst und sich stattdessen ein gestalterisches Selbst­verständnis entwickelt, das die heutige Aufgabenstellung in der Konstruktion räumlicher Beziehungen im Sinne „aktiver Formen“ sieht. Man könnte diese auch informationelle Dispositionen nennen, die in der Verbindung von Gestaltung mit Architektursoftware entstehen und die aufgrund der Globalisierung eine beispiellose weltweite Durchschlagkraft entwickeln.

IV.

Die zweite Frage versucht den Begriff des „Fortschritts“ neu zu fassen und soll dabei weder in die Falle des Universalismus tappen noch das Kind mit dem Bade ausschütten. Denn angesichts des momentan so negativen Diskussionsklimas scheint es uns notwendig, sich erneut dem Fortschrittsversprechen der Moderne zuzuwenden. Was für uns an der Vorstellung, die das Bauhaus von Fortschritt hatte, weiterhin interessant bleibt, ist dessen pragmatisches und furchtloses Einlassen auf die großen Entwicklungen seiner Zeit. Heute könnte das heißen, eine klare Vorstellung davon zu haben, wie geopolitische und technische Entwicklungen miteinander verknüpft sind. Dieses Thema steht im Mittelpunkt der Arbeit von Benjamin Bratton. Sein Buch The Stack – On Software and Sover­eignty ist mittlerweile das Referenzwerk, wenn es darum geht, das Zusammenspiel der globalen Computerinfrastruktur und Governance-Strukturen zu verstehen.

Es macht somit wenig Sinn, geopolitische von technischen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Organisation von Gesellschaften zu trennen. Brattons Arbeit zwingt zu einem spekulativen Blick von der Zukunft aus und macht deutlich, dass sich Planung und Politikgestaltung fundamental von dem unterscheiden können, was wir heutzutage gewohnt sind.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist in diesem Zusammenhang jener des Maßstabs: Während das historische Bauhaus sich noch am menschlichen Maß orientierte, haben sich die heutigen und zukünftigen Entwicklungen völlig davon entkoppelt.

V.

Der dritte Komplex vereint die Frage der Infrastruktur mit jener des Fortschritts und führt zu dem Bereich neuer Organisationsformen, die vielleicht nicht „revolutionär“ neu sind, aber deren Hybridcharakter den Dreh- und Angelpunkt für ganze institutionelle Systeme bilden kann. Ein solches Projekt ist Eyal Weizmans Forensic Architecture: Eine transdisziplinäre Forschungseinrichtung, bei der innovative Arbeitstechniken aus Architektur, Kunst, investigativem Journalismus, Jura und Forensik zum Einsatz kommen, um im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen forensische Beweise für eine rechtliche und politische Bewertung vorzulegen.

Forensic Architecture schafft synthetisiertes Wissen durch die Entwicklung digitaler Technologien, aber auch durch das althergebrachte Instrumentarium von Architektur und Raumanalyse und ist somit ein exzellentes Beispiel für die angesprochene „aktive Form“, in der wir das Rezept für ein Bauhaus von heute sehen – ein Bauhaus, das sich den Realitäten des 21. Jahrhunderts stellt.

VI.

Der letzte Punkt betrifft die Frage, was wir aus und von der Bauhausgeschichte lernen können, das uns sowohl ein neues Verständnis über das Bauhaus als auch über unsere datatopische Zukunft vermittelt.

In diesem Zusammenhang ist es die Arbeit von T’ai Smith, in der sich die bislang ausgeführten Aspekte wiederfinden und die einen engen Bezug zum historischen Bauhaus aufweist. Dabei ist ihr Ansatz keinesfalls rein historisch orientiert, vielmehr sind ihre Forschungsarbeiten, wie sie insbesondere in dem Buch Bauhaus Weaving Theory – From Feminine Craft to Mode of Design dargelegt sind, auch für die begriffliche Fixierung von Datatopia relevant. Bei der Erforschung einer gemeinsamen Genealogie von der Web- und der Computertechnik sind sie insofern hilfreich, als das Weben eine binäre und algorithmische Rechenlogik vereint.

Schließlich berührt das Thema des Webens auch die institutionelle Frage und einen (vereinfachenden) Fortschrittsbegriff, insbesondere durch die nicht nur historische geschlechtliche Zuordnung des Webens als „Frauenarbeit“. Und wenn wir hier über Institutionen sprechen, müssen diese wiederum als Träger größerer, struktureller Logiken verstanden werden.

VII.

Dies sind in Kürze die vier Themenstränge für die Spekulation über die Relevanz des Bauhauses für die Gegenwart: 1. Wir müssen den Schwerpunkt auf Fragen der Infrastruktur legen. 2. Es ist heute notwendig, den Fortschrittsbegriff nicht nur immer weiter kritisch zu hinterfragen, sondern vielleicht auch wieder positiv zu formulieren. 3. Aufgrund des deutlich erweiterten Umfangs von Planung muss das Problem der Institution beziehungsweise Organisation neu gedacht werden. 4. Wir müssen schließlich das Konzept des Handwerks neu diskutieren, und in der Folge darüber nachdenken, inwieweit Datatopia überhaupt ein neues Phänomen darstellt.

Dieser Beitrag sowie die anschließenden Interviews mit den Referent*innen Keller Easterling, Benjamin H. Bratton 
und Eyal Weizman wurden aus dem Englischen übersetzt.

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