ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 158-161

ARCH+ 234

Die Split-Screen-Methode

Von Easterling, Keller /  Ivanova, Victoria /  Avanessian, Armen

Victoria Ivanova/Armen Avanessian: Lassen Sie uns mit Ihrem Konzept der „aktiven Form“ und der Bedeutung des infrastrukturellen Raums für die heutige Governance beginnen, wie Sie sie in Ihrem Buch Extrastatecraft – The Power of Infrastructure Space (2014) dargelegt haben. Wir möchten diese Ideen mit der Frage verbinden, was Gestaltung leisten kann, insbesondere im Kontext der Entwurfsausbildung. Wenn das Bauhaus in der heutigen Zeit gegründet worden wäre, so unsere spekulative These, würden sich dessen Bestrebungen auf das Gestalten von Prozessen und nicht das Gestalten von Objekten richten. Ein Bauhaus 2.0 wäre also nicht in der Objektproduktion verankert, sondern würde auf die infrastrukturelle und organisatorische Produktion abzielen. Was halten Sie von dieser Einschätzung?

Keller Easterling: Ich würde gerne daran glauben, dass es eine solche Schule geben könnte, und ich denke, es sollte sie auch geben. Ich bin jedoch unsicher, ob das Bauhaus mit den damit einhergehenden Intentionen die richtige Referenz wäre, oder ob es heute nicht etwas ganz Eigenes sein müsste. Ich frage mich auch: Wie würde diese Schule die Einübung dieser künftigen Raum­erfindungen bewerkstelligen? Würde sie Abstand nehmen von der verbreiteten Start-up-Logik, die die akademische Welt mit ihrer bemüht unternehmerischen Ausrichtung heute unkritisch nachahmt? Würde diese Schule dort ansetzen, wo räumliche Beziehungen auf die Kultur einwirken und sie durchdringen? Meiner Meinung nach fehlt heute sämtlichen akademischen Programmen der Sinn dafür, nicht nur den Wandel, sondern auch die Heraufkunft dieses Wandels zu gestalten. Es ist eine entscheidende Fehlstelle. Es gibt viele interessante Ansätze, die aber kein Gespür dafür haben, wie man wirkmächtig wird – wie man auch außerhalb des Architekturdiskurses gehört wird.

VI/AA: Es scheint, dass das, was der linke akademische Diskurs heute nicht imstande ist zu leisten, genau das ist, was die Anderen – sagen wir Silicon Valley – liefern: Sie stellen die institutionelle Infrastruktur für die Zukunft bereit. Sie prägen die Strukturen, in denen die Zukunft faktisch produziert wird. Derweil bleibt die kritische Linke irgendwie den alten Strukturen verhaftet, ohne Zugkraft zu entfalten. Gibt es Ihrer Beobachtung nach Gegenbeispiele zu diesem allgemeinen Trend? Gibt es Beispiele für radikale wissenschaftliche Programme, die sich auf fortschrittlicherer und effektiverer Weise mit der Frage auseinandersetzen, wie man realen Einfluss gewinnen kann? In diesem Kontext sehen wir die Arbeit von Eyal Weizman am Goldsmiths in London oder die von Benjamin Bratton am Strelka Institute in Moskau als Versuche an, ein wissenschaftliches Programm so aufzubauen, dass es auch außerhalb des Hochschulmilieus wirksam werden kann.

KE: Auf jeden Fall. Da wir heute so viele verschiedene Zielgruppen haben, scheint es in einer Welt, die alles der Autorität ökonomischer Fakten und rechtlicher Normen unterstellt, umso wichtiger zu sein, den Status von Raumpraktiken und räumlicher Evidenz zu stärken. Es ist klug von Eyal Weizman, eine Rechtsposition aufzubauen. Ich jedoch versuche, räumliche Evidenz außerhalb der Autorität des Gesetzes zu denken. Ich behaupte, dass Raum seine eigene Autorität in globalen Prozessen der Entscheidungsfindung und der Governance haben sollte. Die 28-jährigen McKinsey-Berater, die oft diese Entscheidungen treffen und oft meine Mittler sind, wissen so wenig über den Raum.

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