ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 184-189

ARCH+ 234

The New Normal

Von Bratton, Benjamin H. /  Ivanova, Victoria /  Avanessian, Armen

Victoria Ivanova, Armen Avanessian: Lassen Sie uns mit dem Bauhaus beginnen. Unsere spekulative Behauptung ist, dass, wenn der ursprüngliche Geist des Bauhauses in die heutige Welt übertragen werden sollte, es eher um Protokolldesign und Infrastruktur als um die Gestaltung von Objekten gehen würde. Da Sie zuvor im Silicon Valley gearbeitet haben, wo so viel von der heutigen kulturellen und wirtschaftlichen Infrastruktur gestaltet wird, und da Sie jetzt sowohl an der University of California San Diego als auch am Strelka Institute in Moskau arbeiten, fragen wir uns: Sehen Sie eine Verbindung zwischen Ihrer Praxis und dem historischen Beispiel des Bauhauses?

Benjamin H. Bratton: Meine akademische Heimat ist die University of California San Diego (UCSD), einer großen öffentlichen, technischen Forschungsuniversität mit mehr als 35.000 Studierenden. Die Universität liegt in La Jolla im Norden der Stadt, wo es auch eine riesige Start-up-Szene für Biotechnologie gibt. Illumina, eine Firma, die auf Genanalysen spezialisiert ist, ist gleich die Straße runter, und Qualcomm, die Chipfirma, sitzt auf der anderen Straßenseite. Die Universität wurde 1960 gegründet, vor allem um Expert*innen für die Arbeit in der Luft- und Raumfahrttechnik und in den verschiedenen Industrien des Kalten Krieges auszubilden. Heute bilden Smartphones, Drohnen und Genome das Dreieck der wichtigsten Forschungsbereiche. Es gibt aber auch eine sehr interessante Entwicklung im Bereich Kunst- und Geisteswissenschaften. Ich arbeite zum Beispiel in Allan Kaprows altem Büro, dem Vater des Happenings. Einer derjenigen, die mich in das Programm gebracht haben, war Jean-Pierre Gorin, Jean-Luc Godards Genosse in seiner Phase der maoistischen Filme. Am Fachbereich für Bildende Kunst gab es viele interessante Leute. Bruno Latour verfasste seine ersten beiden Bücher, Laboratory Life und Science in Action, als er an der UCSD am Fachbereich für Soziologie war. Michel de Certeau schrieb dort The Practice of Everyday Life. In früheren Zeiten kam Angela Davis dorthin, um mit Herbert Marcuse zu arbeiten, und so weiter.

Heute steht die Universität für große öffentliche Infrastrukturinvestitionen in die sogenannten Wet SciencesNeurowissenschaften und Biotechnologie – aber auch in die Bereiche Computer­wissenschaften, Luft- und Raumfahrt und Informatik. Im Dunstkreis all dieser Aktivitäten findet meine eigene Arbeit eine gewisse Unterstützung, wobei sie innerhalb der Institution vergleichsweise unbekannt ist. Auf dem Campus der UCSD bin ich weitgehend anonym. Die meisten wissen gar nicht, dass ich überhaupt da bin, aber das gibt mir auch gewisse Freiheiten. Ich gehe irgendwohin, klopfe an die Labortür und sage: „Hallo, ich bin vom Fachbereich Bildende Kunst, ich habe gelesen, dass Ihr CRISPR-­Transformationen an der Leber von Schweinen macht, damit sie in Menschen transplantiert werden kann.“ „Ja, genau. Komm rein.“ Kunst ist für mich eine großartige disziplinäre Tarnung. Sie wirkt harmlos. Auch wenn es manchmal etwas einsam ist, ist der Kontext doch großartig für meine Arbeit. Manchmal fühle ich mich wie ein Kind allein in einem Bonbonladen.

Vor ein paar Jahren haben wir an der UCSD den neuen Studiengang Speculative Design ins Leben gerufen. Die Fakultät hatte uns im Rahmen einer umfassenderen Initiative zur Stärkung des Design-
Thinking-Ansatzes auf dem Campus darum gebeten.

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