ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 90-97

ARCH+ 235

Rechte Räume in (Ex-)Jugoslawien

Von c/o now

Mitte der 1990er-Jahre, mitten im brutalen Zerfallsprozess Jugoslawiens, stand Slavoj Žižek im Zentrum Ljubljanas auf der Šentjakob-Brücke über dem Flüsschen Ljubljanica und sprach mit seiner unnachahmlich finsteren Schockantizipation in die Kamera eines Filmteams: „Okay! Was wir hier jetzt sehen, ist – zumindest im Sommer oder im Herbst – eine der schönsten Ansichten von Ljubljana. Es sieht aus wie in Paris. Grüne Blätter etc., schöne alte Häuser an beiden Ufern. Nichts Besonderes. Aber da irren Sie sich! Dieser Fluss hier ist die offizielle, geografische Grenze zwischen dem Balkan und Mitteleuropa. Also Vorsicht! Dort drüben: Horror, orientalischer Despotismus, Frauen werden geschlagen und vergewaltigt und mögen es. Auf dieser Seite: Europa, Zivilisation, Frauen werden geschlagen und vergewaltigt und mögen es nicht. Also: Balkan – Mitteleuropa. Nicht vergessen!“

Nur: Der Ständige Ausschuss für geographische Namen (StAGN) verortet die auf Grundlage „kulturräumlicher Kriterien“ ermittelte Trennlinie zwischen Mittel- und Südosteuropa (umgangssprachlich: „der Balkan“) ein ganzes Stück weiter östlich als der Philosoph und gebürtige Slowene. Demnach beginnt der Balkan am östlichen Ende Kroatiens, also an der 932 Kilometer langen Staatsgrenze zu Bosnien und Herzegowina. Dort also, wo seit Kroatiens EU-Beitritt 2013 europäische Verbände in höchster Sorge um „die Außengrenze“ schwerbewaffnet durch teils menschenleere Gebiete patrouillieren. Und dort, wo kroatische Uniformierte jene bei Nacht und Nebel gewaltsam und völkerrechtswidrig wieder aus der Union zwingen, die sie nach beschwerlichen Wegen eben erst über die Balkanroute erreicht haben.

Žižeks sarkastische Bemerkung greift ein altes europäisches Zerrbild des Balkan auf, das mit einer Urszene der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert seinen Anfang genommen hatte, der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaars, die die Region in so etwas wie das anarchisch Unbewusste, das Es Europas verwandelte.

Szenenbeschreibung: Der offene Doppelphaeton des Wiener Autobauers Gräf & Stift; die darin entsetzt aufspringende Gräfin Sophie Chotek von Chotkowa; daneben ihr an der Halsvene getroffener Ehemann Franz Ferdinand, dessen weiße k. u. k. Gala-Uniform sich rot verfärbt; der Attentäter Gavrilo Princip; und die zu spät kommenden, Fes tragenden bosniakischen Soldaten des 15. Korpskommandos – Motive eines oft reproduzierten Bildes, das in kaum einem Schulbuch zur Geschichte Europas fehlt. Bis heute geht von diesen Illustrationen des Attentats von Sarajevo die Vorstellung aus, es wäre der anarchische Wahnsinn der Bewohner*innen der späteren Territorien Jugoslawiens gewesen, der 1914 das wohlbalancierte Gleichgewicht der Großmächte derart ins Wanken brachte, dass mit Europa die ganze Welt in Chaos und Gewalt versank.

 

Doppelte Peripherie

Doch das Wohl und Wehe der in diese doppelte Peripherie hineingeratenen Menschen entschied sich nur selten in der Region selbst. In Bosnien nahm das Schicksal bereits im 4. Jahrhundert seinen Lauf. Das Imperium Romanum teilte sich entlang der Drina in ein Ost- und ein Weströmisches Reich. Über Jahrhunderte sollten sich hier der Katholizismus und die Orthodoxie – später dann der Islam – Auge in Auge gegenüberstehen. Und viele der einst in Rom, Venedig, Paris, Budapest, Wien, Istanbul, Moskau, Berlin, Washington, Dayton, Den Haag, Brüssel oder sonst wo getroffenen Entscheidungen wirken bis heute fort – und schlagen sich im Alltag der Menschen dort nieder. Die Fremdherrschaft auf dem Balkan war derart allumfassend, dass man ihr bis heute zuschreibt, sogar die Geologie der Region verändert zu haben.

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