ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 200-205

ARCH+ 235

Die Countryside als politisches Projekt

Von Kennedy, Joe

Der Herbst ist fast vorüber, und ich stehe in den Hochmooren, die die Wasserscheide zwischen den einzelnen Tälern der Yorkshire Dales bilden. Hier lebt meine Familie, hier verbrachte ich meine Kindheit, und hierher kehre  ich von Zeit zu Zeit zurück, um mich vom  hektischen Großstadtleben zu erholen. Es ist drei Uhr am Nachmittag, und die Sonne ist hinter den Wolken und  dem Bergrücken verschwunden. Soeben  hat ein Regenguss die Furchen des unbefestigten Wegs frisch gefüllt, der  entlang eines schmalen sprudelnden Bachs zu einigen verlassenen Bleihütten  hinaufführt. Noch ist es aber hell genug, um einige rötliche Strähnen auf dem ansonsten herbstlich braunen Heidekraut und Farn wahrzunehmen und die darunter liegenden Dörfer im Swaledale zu erkennen, mit ihren ewig gleichen Ansammlungen von Pub, Kirche und  Cottages entlang der Straße.

Dieser Ort scheint wie von der Zeit unberührt, während ich älter wurde, mich veränderte, die Welt bereiste, mich mit meiner Arbeit herumplagte und von der rasanten technischen und politischen Entwicklung überrollt wurde. Und doch bin ich mir darüber im Klaren, dass dieser Eindruck von Stabilität selbst politisch konnotiert ist. Harmonie und Würde haben ihren Preis, auch wenn dieser nicht immer von jedem Einzelnen persönlich zu bezahlen ist.

Worauf falle ich herein, wenn sich ein wohliges Gefühl in mir ausbreitet, sobald ich die klare Luft von Yorkshire einatme und meine Beine den sprichwörtlichen Heimatboden berühren – das Gefühl nämlich, endlich ich selbst sein zu können? Ist das nichts weiter als spießige, nostalgische Selbstgefälligkeit? Eine feige Flucht vor drängenden politischen Aufgaben, die keine Achtsamkeitsübungen, sondern Solidarität und Zielstrebigkeit erfordern? Ist die Linke überhaupt imstande, richtig zuzupacken?

Hinter dieser Frage steht eine lange Geschichte. Als New Labour in den späten 2000er-Jahren zusammenbrach und mit den Folgen der Finanzkrise und Vorwürfen der sozialen Vernachlässigung zu kämpfen hatte, wählte David Cameron in einem geschickten Schachzug das weiche Thema Umwelt, um der zuvor in Verruf geratenen Conservative Party wieder auf die Beine zu helfen. Allerdings war dies keinem ökologischen Bewusstsein geschuldet, sondern es handelte sich lediglich um eine ästhetische Investition in das ländliche Großbritannien, was sich augenfällig in einem neuen Parteilogo widerspiegelt: ein stark reduzierter, putziger Baum, der an die Eiche erinnern soll, die Edmund Burke Ende des 18. Jahrhunderts in seinen Betrachtungen über die Französische Revolution als Sinnbild des englischen Konservatismus verwendete. Trotz aller Oberflächlichkeit war dieses Rebranding bedeutsam, weil es auf eine kulturelle Sensibilität breiter Bevölkerungsschichten für ein mythisches, „tiefes“, das heißt ländlich verwurzeltes Englisch-Sein traf, welche kurz nach der Jahrtausendwende aufkeimte.

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