ARCH+ 237


Erschienen in ARCH+ 237,
Seite(n) 169-194

ARCH+ 237

ARCH+ features: RECHTE RÄUME Reaktionen

Von Hartbaum, Verena /  Ngo, Anh-Linh /  Trüby, Stephan

 

Inhalt

Einleitung von Verena Hartbaum, Anh-Linh Ngo und Stephan Trüby

Längst überfällig von Frank R. Werner

Den Nerv der Zeit getroffen von Fritz Kestel

Romantisch-regressive Rettungsversuche von Dietrich W. Schmidt

Zur Geschichte gehört das ganze Bild. Eine Erwiderung auf Winfried Nerdinger von Wolfgang Pehnt

„Softcore-Revisionismus“? „Rehabilitierung" von „NS-Mittätern“? Eine Erwiderung auf Winfried Nerdinger und Stephan Trüby von Wolfgang Voigt

„Terribles simplificateurs“? „Cherry picking“? Eine Antwort auf Wolfgang Pehnt und Wolfgang Voigt von Winfried Nerdinger

Die Probleme liegen woanders von Regine Heß

Die Unmöglichkeit einfacher Zuschreibungen von Ulrich Coenen

Entschleierung des Intentionalen von Karin Wilhelm

Symbolische Gewalt im öffentlichen Raum von Annika Wienert

„that design might cover their faces“: Zum Antisemitismus in Ezra Pounds „Usura-Canto XLV“ von Marc Priewe

Aus der rechten Vereinnahmung herausholen von Torsten Hoffmann

Kein Architekt, keine Architektin handelt alleine von Stefan Kurath

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Einleitung

Von Verena Hartbaum, Anh-Linh Ngo und Stephan Trüby

Rund ein halbes Jahr ist es nun her, dass am 24. Mai 2019 die vom Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA) der Universität Stuttgart in Kooperation mit der ARCH+ herausgegebene Ausgabe Rechte Räume – Bericht einer Europareise erschienen ist und im Rahmen einer öffentlichen Heftpräsentation an einem frühsommerlichen Freitagabend an der Berliner Volksbühne präsentiert wurde.

Kaum mehr als 24 Stunden nach der Präsentation folgte bereits Niklas Maaks erster enervierter Artikel „Kann Raum rechts sein?“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26. Mai 2019, und nun, nach Dutzenden von Zeitungs- und Magazinartikeln in deutschsprachigen und internationalen Medien, nach Hunderten von Zuschriften und Tausenden von Online-Kommentaren, ist die Debatte noch immer nicht abgeflaut. 

So erschien etwa pünktlich zum Redaktionsschluss am 20. Oktober 2019 im Berliner Tagesspiegel ein langer Artikel der Rostocker Historikerin Ulrike von Hirschhausen mit dem Titel „Alle Kultur ist Barbarei“. Wohin führt der Nerv, der mit der Rechte-Räume-Ausgabe ganz offenkundig getroffen wurde?

In mehrere Richtungen. Vor allem entzündete sich die „Rechte Räume“-Debatte im journalistischen Kontext an Verena Hartbaums Artikel „Rechts in der Mitte – Hans Kollhoffs CasaPound“. Unter Bezugnahme auf einen älteren Text von Heinz Dieter Kittsteiner aus dem Jahre 2003 wirft sie darin dem Berliner Architekten Hans Kollhoff vor, auf seinem 2001 vollendeten Walter-Benjamin-Platz in Berlin ein Zitat des amerikanischen Dichters und faschistischen Mussolini-Propagandisten Ezra Pound angebracht zu haben: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“ Bei Lichte betrachtet, entpuppt sich diese Passage aus den so genannten Usura Cantos jedoch als antisemitische Flaschenpost. Denn bei Pound steht das Codewort „Usura“ (Wucher) für „die Juden“ beziehungsweise das „zinstreibende Judentum“, denen im Werk des Dichters die Schuld an allem möglichen Übel der Welt zugeschoben wird, nicht zuletzt – wie mit der von Kollhoff verwendeten Passage geschehen – eben auch die Schuld an schlechter Architektur ohne „guten Werkstein“. Doch Maak skandalisierte nicht etwa die Anbringung eines antisemitisch konnotierten Zitats im öffentlichen Raum von Berlin, sondern verteidigte die Architektur des Platzes: Man solle sich „fragen, warum ähnliche großzügige Plätze, gern auch mit anderer Architektur, nicht auch für Menschen mit geringerem Einkommen gebaut werden [...].“01 Wenige Tage später legte Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach und warf der von ihm namentlich nicht genannten Autorin eine Diffamierung Kollhoffs vor: „[...] es ist unlauter und demagogisch, Kollhoff als Antisemiten zu denunzieren [...].“02 Doch an keiner Stelle im ARCH+-Heft Rechte Räume wird gegen Kollhoff der Vorwurf des Antisemitismus erhoben. Die antisemitische Flaschenpost, die Pound 1936 ins Meer der Literatur warf und die 2001 von Kollhoff auf dem Walter-Benjamin-Platz entrollt und in Stein gemeißelt wurde, macht aus dem Architekten nicht notwendigerweise einen Antisemiten, aber das Pound-Zitat bleibt nicht weniger problematisch.

Aber es kam noch wilder. Am 1. Juli 2019 hob Maak gar einen Artikel Arnold Bartetzkys in die Frankfurter Allgemeine Zeitung, in der dieser konservative Publizist nicht nur den „vernichtenden Verdacht“ gegen Kollhoff beklagt, sondern uns auch noch eine Verletzung „journalistischer Sorgfaltspflicht“ unterstellt, weil Verena Hartbaum Kollhoff nicht um seine Einschätzung gebeten habe. Hat sie aber, und Bartetzky selbst erwähnt sogar die E-Mail-Korrespondenz zwischen Hartbaum und Kollhoff aus dem Jahre 2012, in dem dieser eine mehr als problematische Begründung dafür liefert, weshalb er auf einem Platz, der ausgerechnet dem jüdischen Nazi-Opfer Benjamin gewidmet ist, eine Bühne für den Faschisten und Antisemiten Pound bietet: „[...] das ist ja das Schöne an der Konfrontation von Walter Benjamin und Ezra Pound, die persönlich ja nicht stattgefunden hat, dass man daran hypothetische Behauptungen knüpfen kann, die nicht selten ein grelles Licht werfen auf die fatale Geschichte des vergangenen Jahrhunderts“.03 Das ist Täter-Opfer-Relativierung par excellence, die Kollhoff jüngst auch sinngemäß wiederholte, als er Pounds Faschismus und Benjamins revolutionären Sozialismus mit folgenden Worten parallelisierte: „Beide gescheiterten Hoffnungen muss man vor allem aus ihrer Zeit heraus verstehen. Doch wir dürfen uns fragen, was wir dennoch heute damit anfangen können.“04 Die Kunsthistorikerin Annika Wienert vom Deutschen Historischen Institut Warschau kritisiert in dieser Ausgabe das kollhoffsche Pound-Zitat und die apologetische bartetzkysche FAZ-Berichterstattung mit deutlichen Worten: „Die symbolische Gewalt an Juden und Jüdinnen, welche sowohl die implizite öffentliche Ehrung des Antisemiten und überzeugten Faschisten Ezra Pound darstellt, als auch die schiere Präsenz einer antisemitischen Aussage im öffentlichen Raum, wird nicht zur Kenntnis genommen.“05 In eine ähnliche Richtung argumentiert Ulrike von Hirschhausen im bereits erwähnten Tagesspiegel-Artikel „Alle Kultur ist Barbarei“, in dem sie mit Blick auf Kollhoffs Pound-Zitat schreibt: „Wir müssen in Zeiten, in der rechtsradikale Positionen für manche einen Ausweg aus den Problemen der Globalisierung zu liefern scheinen, antisemitische Übergriffe sich häufen und die Synagoge von Halle zum Ziel eines Anschlags wird, solche Texte erst recht beim Namen nennen – und sie mit unseren Antworten konfrontieren. [...] Hilfreich wäre eine öffentliche Anhörung, zu der das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf einladen könnte. Hilfreich wäre die Kooperation mit dem Architekten des Benjamin-Platzes, Hans Kollhoff, dem das Urheberrecht über die Platzgestaltung zusteht. Doch vor allem brauchen wir den öffentlichen Protest der Stadtgesellschaft, die ein antisemitisches Zitat, so unauffällig es daherkommt, nicht akzeptiert.“06

Während sich die Debatte um die Rechte-Räume-Ausgabe im journalistischen Kontext vor allem auf den Walter-Benjamin-­Platz fokussierte, wurden Teile der Fachöffentlichkeit durch einen Satz Stephan Trübys in der Einleitung erregt, in der Hans Stimmann und Harald Bodenschatz vorgeworfen wird, „das populistische und sozial neutralisierte Geschäft identitärer Stadtraumbildung [zu] betreiben (‚Berlinische Architektur“, Projekt einer Rekonstruktion der Berliner Altstadt) – und dabei keine Berührungsängste mit der patriotischen Rechten an den Tag legen“.07 Die Folge waren diverse Repliken, so etwa Kaye Geipels Kritik problematischer „Zuschreibungen“08 in der Bauwelt oder eine öffentliche Stellungnahme der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) vom 22. August 2018, in der sich der Verband dagegen verwahrt, „unser Mitglied“ Harald Bodenschatz in den Kontext „rechter Räume“ zu stellen (was gar nicht stimmt), „nur weil er sich für kritische Rekonstruktionen einsetzt“ (was ebenfalls nicht stimmt).

Wahr ist an der Kritik Stephan Trübys an Bodenschatz Folgendes: Gewisse Ansichten des ehemaligen Professors für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin, der Autor vieler herausragender Werke wie Platz frei für das neue Berlin! Geschichte der Stadterneuerung in der „größten Mietskasernenstadt der Welt“ seit 1871 (1987) ist, sind von der Analyse der kommunistisch geprägten Stadtpolitik Bolognas um 1970 her zu verstehen, die er in seiner gerade auch heute lesenswerten Dissertation Städtische Bodenreform in Italien09 (1979) untersuchte. Darin wird beschrieben, wie die politische Linke in Gestalt der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) sich in Bologna ab Ende der 1960er radikal von der modernen Architektur abwandte und Pläne etwa für Wohnsiedlungen in Vorstädten und andere Großprojekte in die Schublade beförderte. Stattdessen sollte es künftig um die Erhaltung historischer Innenstädte gehen, und zwar mithilfe eines mutigen politischen Projekts: des Versuchs einer Synthese von Denkmalschutz und sozialem Milieuschutz via Bodenreformen und weiterer begleitender Maßnahmen. Doch das Projekt scheiterte, vor allem aufgrund des Widerstands gegen Enteignungen. Die langfristigen Folgen dieser und ähnlicher Entwicklungen wie in Bologna und anderswo zeigen sich heute in verschiedenen Biografien von Achtundsechzigern, vor allem eben in jener von Bodenschatz: Das Projekt einer Sozialpolitik der (alten) Stadt wurde weitgehend aufgegeben, um sich fortan ganz auf die – deutlich einfacher zu habende – Bildpolitik einer „alten Stadt“ zu konzentrieren. Vor diesem Hintergrund müssen die jüngsten Verlautbarungen Bodenschatz’ zu einer unkritischen Rekonstruktion der Berliner Altstadt nach Frankfurter Vorbild verstanden werden, mit denen er seinen guten Ruf als Wissenschaftler riskiert. So bemühte er vor einiger Zeit in einem umstrittenen Tagesspiegel-Artikel die Argumentation, dass es im großzügigen Freiraum des Marx-Engels-Forums in Berlin einst eine besonders hohe Dichte an Immobilien im Besitz von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern gegeben habe, dort also ein „christlich-jüdisches Symbiose-Experiment ohne Vorbild in der europäischen Geschichte“ geherrscht habe, an das man nun doch mit einer Rekonstruktion anknüpfen solle. Wenngleich Bodenschatz seinen Vorschlag im Bewusstsein einer Geschichte von „Toleranz und Intoleranz, Zerstörung und Aufbau“ formuliert, so verharmlost er damit doch eine lange Diskriminierungs- und Pogromgeschichte von Juden in Preußen zu einer „guten alten Zeit“ der Toleranz, was historisch schlicht nicht belastbar ist.10 Zudem macht er sich unfreiwillig kompatibel mit der patriotischen Rechten, die sich in Gestalt der Berliner AfD eine Rekonstruktion des Schlossumfeldes schon seit Längerem mit auf die Fahnen geschrieben hat.11 Die Entschädigung der Nachkommen ehemaliger jüdischer Eigentümer, deren Immobilienbesitz zwischen 1933 und 1945 „arisiert“ wurde und sich in Verlängerung von Inanspruchnahmen der DDR nach wie vor zu großen Teilen in staatlichem Besitz befindet, ist dringend geboten, aber nicht durch kompensatorische Stadtbildpolitik zu ersetzen.12

Während die journalistische Debatte um „Rechte Räume“ ihren Aufhänger in Kollhoffs Walter-Benjamin-Platz fand und die veröffentliche Fachdebatte mit der Skandalisierung von teils gar nicht vorgenommenen „Zuschreibungen“ bisher unter ihren Möglichkeiten dringend gebotener Kritik an reaktionären Tendenzen in der Städtebautheorie und -praxis geblieben ist, hat sich hinter den Kulissen eine architekturgeschichtliche Diskussion entfaltet, die bisher nur in zahllosen E-Mails geführt wurde und deren zarte Anfänge mit diesem Heft erstmals veröffentlicht seien. Es geht um den langfristig vielleicht explosivsten Text im Rechte-Räume-Heft, nämlich um die deutschsprachige Erstveröffentlichung von Winfried Nerdingers Aufsatz „Hans Poelzig, Paul Bonatz, Paul Schmitthenner – Die allmähliche Aufwertung, Normalisierung und Rehabilitierung der Konservativen, Opportunisten und NS-Mittäter“, der 2011 nur auf Italienisch in Casabella publiziert wurde. Die Erwiderungen der angegriffenen Autoren Wolfgang Pehnt und Wolfgang Voigt sind im Folgenden abgedruckt, ergänzt ihrerseits um eine aktualisierte Kritik von Nerdinger sowie um rahmende Beiträge von Dietrich W. Schmidt, Regine Heß und Ulrich Coenen. Es folgen Texte von Karin Wilhelm, Annika Wienert und Marc Priewe, die (die Debatte um) das Pound-Zitat auf dem Walter-Benjamin-Platz genauer untersuchen. Das Heft schließt mit einem Beitrag von Torsten Hoffmann zum Zusammenhang von rechtem Denken, Literatur und Gender sowie mit Stefan Kuraths Aufruf „Kein Architekt, keine Architektin handelt allein“.

Und es beginnt mit den Zuschriften von Frank R. Werner und Fritz Kestel, wobei Werner den Unterschied zum oft erwähnten Architekturstreit der 1990er-Jahre herausarbeitet und Kestel dringend empfiehlt, den „methodologischen Nationalismus“, der in den deutschen Reaktionen – auch und gerade in den fachlichen Reaktionen – so unangemessen im Vordergrund steht, endlich hinter sich zu lassen: „Es ist zu hoffen, dass weitere aufklärerische Hefte zu ‚Rechten Räumen‘ folgen werden. Die globalen Zeiten erfordern Reisen über Europa hinaus.“ Möge die Debatte also weitergehen, auf hoffentlich höherem Niveau.

 

  • 01 Niklas Maak: „Kann Raum rechts sein?“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (26.5.2019)
  • 02 Niklas Maak: „Antisemitische Flaschenpost?“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (29.5.2019)
  • 03 Zit. nach Verena Hartbaum: Der Walter-Benjamin-Platz (Disko 26), Nürnberg 2013, S. 70
  • 04 Hans Kollhoff, zit. nach Peter von Becker: „Spiel mit der Provokation“, Tagesspiegel (3.6.2019), www.tagesspiegel. de/kultur/berliner-architekturstreit- spiel-mit-der-provokation/24416220. html (Stand: 24.10.2019)
  • 05 Vgl. S. 17
  • 06 Ulrike von Hirschhausen: „Alle Kultur ist Barbarei – Ist der Walter-Benjamin-Platz ein ,rechter Raum‘? Vorschlag zur Befriedung einer Berliner Debatte“, in: Tagesspiegel (20.10.2019)
  • 07 Stephan Trüby: „Rechte Räume – Eine Einführung“, in: ARCH+ 235 Rechte Räume – Bericht einer Europareise (2019), S. 11
  • 08 Kaye Geipel: „Zuschreibungen“, in: Bauwelt 14 (2019), S. 13
  • 09 Harald Bodenschatz: Städtische Bodenreform in Italien – Die Auseinandersetzung um das Bodenrecht und die Bologneser Kommunalplanung, Frankfurt a. M. 1979
  • 10 Erst die Novemberrevolution 1918 und die Gründung der Weimarer Republik brachten für Juden in Deutschland eine völlige Gleichstellung vor dem Gesetz und damit auch im Staatsdienst mit sich. Alle Positionen im öffentlichen Dienst standen ihnen nun offen: Universitätsordinariate, Beamtenstellen, Ministerposten. Allerdings sahen sich Juden nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auch mit einer massiven Welle antisemitischer Angriffe konfrontiert. – Vgl. Sebastian Panwitz, in: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Franziska Nentwig (Hg.): Geraubte Mitte – Die „Arisierung“ des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933–45, Berlin 2003, S. 17
  • 11 Vgl. afdkompakt.de/2017/05/30/stadtschlosskuppel- und-umfeld-historischpassend- rekonstruieren (Stand: 24.10.2019)
  • 12 Vgl. Benedikt Goebel, Lutz Mauersberger, in: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Franziska Nentwig 2003 (wie Anm. 10), S. 65

 

 

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Die Unmöglichkeit einfacher Zuschreibungen

Von Ulrich Coenen

Eine solche Architekturdebatte hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Die Reaktionen auf den Beitrag „Wir haben das Haus am rechten Fleck“ von Stephan Trüby in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 8. April 2018, die nach der Ende Mai 2019 erschienenen ARCH+ 235 Rechte Räume einen weiteren Höhepunkt erreichten, sind in der bundes­deutschen Geschichte einmalig und lassen sich auch nicht mit dem Berliner Architekturstreit der frühen 1990er-Jahre vergleichen.

Der jetzt öffentlich ausgetragene Disput beschränkt sich nicht auf journalistische Meinungsbeiträge, Interviews und Leserbriefe in Zeitungen und Zeitschriften, sondern umfasst erstmals auch das Internet. Zwar ist der Beitrag von Trüby in der FAS online nicht barrierefrei zugänglich (und man darf bezweifeln, dass alle Diskutanten ihn gelesen haben), doch die Kommentare der Journalisten und ihre Interviews mit den Protagonisten beziehungsweise mit anderen Fachleuten in allen überregionalen (und in einigen wenigen regionalen) Zeitungen und Zeitschriften wurden in aller Regel nicht nur in den gedruckten Ausgaben, sondern zusätzlich oft barrierefrei in den Online-Ausgaben veröffentlicht. Der Diskurs wurde dadurch zu einem erheblichen Teil in die sozialen Netzwerke im Internet verlagert. Vor allem auf Facebook gibt es ein knappes Dutzend Gruppen mit zum Teil mehreren Tausend Mitgliedern, die sich ausschließlich oder zumindest teilweise mit Architektur beschäftigen. Jeder neue Beitrag in den Medien zur Neuen Frankfurter Altstadt und zu rechten Räumen wurde seit dem Frühjahr 2018 aufmerksam registriert, geteilt und kontrovers diskutiert. Verunglimpfungen und Beleidigungen von Trüby, der zum Feindbild wurde, waren dabei nicht selten. Die Rechte-Räume-ARCH+, die den Untertitel Bericht einer Europareise trägt, geht weit über das Thema von Rekon­struktionen in Deutschland (und die Neue Frankfurter Altstadt im Besonderen) hinaus: Drei Dutzend Einzelbeiträge beschäftigen sich nicht ausschließlich mit Neuschöpfungen von im Zweiten Weltkrieg untergegangenen Gebäuden aus dem Nichts, sondern ebenfalls mit historischen Bauten und ihrem zum Teil absolut unstrittigen faschistischen Hintergrund, den vernünftigerweise niemand in Frage stellen kann. Das gilt beispielsweise für das gigantische Franco-Mausoleum Valle de los Caídos bei Madrid. Obwohl die Bandbreite des Heftes ohne Übertreibung gewaltig ist, fokussierten sich die Reaktionen in den deutschen Feuilletons vor allem auf ein Thema. Es ist der Aufsatz „Rechts in der Mitte“ von Verena Hartbaum, der sich kritisch mit Hans Kollhoffs Walter-Benjamin-Platz in Berlin auseinandersetzt. Nun hat die von Hartbaum kritisierte neoklassizistische Architektur Kollhoffs neben anderen zeitgenössischen Architekturströmungen sicher ihre Berechtigung und darf nicht als neo­faschistisch missverstanden werden. Das antisemitische Pound-Zitat an diesem Ort, das das NS-Opfer Walter Benjamin geradezu verhöhnt, ist aber zweifellos ein Skandal. Es ist schade, dass sich die Debatte in den Medien und der Öffentlichkeit zu sehr auf diesen Beitrag verengt hat – und zu Ungunsten eines anderen Aufsatzes, der mindestens genauso explosiv ist: Winfried Nerdingers erstmalig auf Deutsch erschienener Text „Hans Poelzig, Paul Bonatz, Paul Schmitthenner – Die allmähliche Aufwertung, Normalisierung und Rehabilitierung der Konservativen, Opportunisten und NS-Mittäter“ (2011). Die im Titel genannten Architekten haben aus Opportunismus zweifellos Schuld auf sich geladen,01 und es ist notwendig, dass deren Verflechtungen mit dem Nationalsozialismus weiterhin aufgearbeitet werden. Dies sollte aber für Vertreter der traditionellen Moderne ebenso wie für die Vertreter der (Bauhaus-)Moderne gelten. Die Beispiele zweier kaum bekannter Karlsruher Architektenbiografien mögen die Unmöglichkeit einfacher Zuschreibungen à la „klassische Moderne = links“ und „traditionelle Moderne = rechts“ verdeutlichen. Hermann Alker war in den 1920er-Jahren der bedeutendste Vertreter der Moderne in der badischen Landeshauptstadt.02 Weil konservative Kräfte ihm im Wege standen, blieb ihm der Lehrstuhl an der Technischen Hochschule verwehrt, seine wirtschaftliche Lage war schwierig. Alkers „Sündenfall“ war der Bau der Thingstätte in Heidelberg, eines riesigen Freilicht­theaters für 20.000 Menschen, das in den Jahren 1934 und 1935 im Auftrag von Joseph Goebbels errichtet wurde. Die Belohnung ließ nicht auf sich warten: 1937 wurde Alker Stadtbaurat in München, 1939 erhielt er den ersehnten Lehrstuhl an der TH Karlsruhe. Wegen seiner Verstrickungen in das NS-System wurde er aber bereits 1945 als Professor entlassen. Seine erfolgreiche Karriere war beendet. Den umgekehrten Weg ging sein Schüler Erich Schelling, der nach dem Diplom an der TH Karlsruhe ab 1933 Mitarbeiter in Alkers Karlsruher Büro war. Als der Chef nach München wechselte, durfte Schelling im Auftrag des Führer-Verlags das ehemalige Gebäude der Badischen Presse, das diese 1934 für das NS-Kampfblatt Der Führer räumen musste, in den Jahren 1937 bis 1939 durch einen Neubau ersetzen. Ingrid Ehrhardt sieht in diesem Bauwerk „auffallende Parallelen zum Reichsluftfahrtministerium in Berlin“ (dem heutigen Bundesfinanzministerium), das Ernst Sagebiel geplant hat.03 Nach dem Krieg wurde Schelling entnazifiziert und prägte fortan mit seinen modernen Bauten wie der Schwarzwaldhalle (1953) oder dem Verwaltungsgebäude der Landes­versicherungsanstalt Baden (1964) das Bild der Stadt nachhaltig. Ich möchte abschließend ein Beispiel aus meiner Familiengeschichte anführen. Mein Großvater Cornelius Hubert Coenen, ein niederländischer Kaufmann in Deutschland, wurde nach 1933 von den Nazis enteignet.04 Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er zurück nach Deutschland und ließ sich in den Jahren 1948 und 1949 im kleinen Dorf Merzenhausen bei Jülich eine Villa (Haus Brühl) nach Plänen von Kreisbaumeister Ernst Walther errichten – und zwar, um sein neu gewonnenes Selbstbewusstsein zu demonstrieren, in der Formensprache der traditionellen Moderne (konkret der Heimatschutzarchitektur). Hätte er diesen Stil mit den vom ihm als „Tiere“ bezeichneten Nazis identifiziert, wäre das Gebäude in dieser Form nicht entstanden.

 

  • 01 Überzeugte Nazis wie Paul Schultze-Naumburg, der sich bereits im Laufe der 1920er-Jahre radikalisierte, waren die Ausnahme. Übrigens haben sich auch Gropius und Mies van der Rohe bei Hitler angebiedert, zu ihrem Glück allerdings erfolglos. Le Corbusiers Verwicklungen in das faschistische Vichy-Regime sind inzwischen hinreichend bekannt.
  • 02 Dorothea Roos: Der Karlsruher Architekt Hermann Reinhard Alker – Bauten und Projekte 1921 bis 1958, Tübingen 2011
  • 03 Ingrid Ehrhardt: Erich A. Schelling (1904–1986) – Ein Architekt zwischen Traditionalismus und Moderne, Frankfurt a. M. 1997
  • 04 Ulrich Coenen: Zwischen den Grenzen – Eine Lebensgeschichte, Aachen/Jülich 1993

 

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Symbolische Gewalt im Öffentlichen Raum Von Annika Wienert

Europaweit lässt sich beobachten, dass nationalistisch-autoritäre Positionen in den Mainstream aufgerückt sind. Der Rechtsruck geht einher mit tiefgreifenden Prozessen der Entdemokratisierung und Entsolidarisierung, die schwer wieder rückgängig zu machen sein werden. Diese Prozesse lassen sich auf dem Gebiet der nationalen und internationalen Politik, der Rechtsordnung, Wissenschaft, Bildung und Kultur beobachten.

Neben konkreten Gesetzesänderungen ist es vor allem der allgemeine kulturelle Diskurs, den der europäische Rechtspopulismus und Rechtsextremismus zu seinem Schlachtfeld erklärt hat, auf dem er gegen selbst erfundene Feindbilder wie den „Kulturmarxismus“, die „Gender-Ideologie“ und den „linksgrünversifften Medien-Mainstream“ kämpft. Auch der Bereich von Architektur und Städtebau ist davon betroffen. In der ARCH+ 235 Rechte Räume werden dafür zahlreiche Beispiele gegeben.

Wie sieht nun die Reaktion der Fachwelt auf dieses ARCH+-Heft aus? Die deutsche Architekturkritik und das Feuilleton reiben sich die Augen und wundern sich: Was hat denn Architektur mit Politik zu tun? Dass die Frage nach dem Verhältnis dieser beiden Felder überhaupt gestellt wird, scheint schon als Provokation zu reichen, und das Verständnis der beiden Begriffe ist dabei einigermaßen beschränkt: Politik ist, was Politiker machen; Architektur ist gut/schön oder schlecht/hässlich. Das entscheiden Fachleute, die sich damit auskennen, Ende der Diskussion.

Dem ließe sich entgegenhalten, dass das Verhältnis von Politik und Architektur ein nahezu tautologisches ist: Bauen ist immer politisches Handeln. Allerdings ist damit noch nicht die spezifische historische Konstellation erhellt, in der einzelne Bauten entstehen und Bedeutung erlangen. Wie dieses Verhältnis jeweils beschaffen ist, loten die Beitr.ge des Themenheftes aus. In der Gesamtschau ergibt sich anhand der durchaus heterogenen Fallbeispiele ein differenziertes Bild des architektonisch-kulturellenpolitischen Komplexes. Ungleich undifferenzierter fiel hingegen die Mehrzahl der Reaktionen auf das Heft aus. Eine Diskussion wurde so eher verhindert, mit überzogenen Polemiken nahezu niedergeschrien.

Über den oben geschilderten Rechtsruck wurde dabei kaum ein Wort verloren. Stattdessen schoss sich die Kritik auf Verena Hartbaums Analyse von Hans Kollhoffs Platzgestaltung in Berlin- Charlottenburg ein. Die Stellungnahmen von Hartbaums Kritiker*innen offenbaren auf schmerzhafte Art und Weise, dass es unter deutschen Intellektuellen an einem Verständnis vom Begriff des Antisemitismus mangelt. Die symbolische Gewalt an Juden und Jüdinnen, welche sowohl die implizite öffentliche Ehrung des Antisemiten und überzeugten Faschisten Ezra Pound darstellt, als auch die schiere Präsenz einer antisemitischen Aussage im öffentlichen Raum, wird nicht zur Kenntnis genommen. Diese symbolische Gewalt wird geleugnet oder relativiert, nicht als Problem benannt, sondern auf die Autorin (und die Herausgeber des Heftes) projiziert: Sie sei die Aggressorin, sie manipuliere, liefere keine Beweise, setze einen „vernichtenden“ (sic!) Verdacht in die Welt. Der jüdische Intellektuelle Walter Benjamin wurde durch die antisemitische Vernichtungspolitik Nazi-Deutschlands in den Tod getrieben. Mit der Benennung des Platzes nach Benjamin wird die genannte symbolische Gewalt zur Verhöhnung dieses konkreten Menschen.

Für diese Feststellung ist es unerheblich, ob der Architekt Antisemit ist, ob es seine Absicht war, Juden und Jüdinnen allgemein oder Walter Benjamin im Speziellen zu demütigen. Gehen wir davon aus, dass Kollhoff kein Antisemit ist. Was ist damit gewonnen? Ist die Präsenz einer antisemitischen Aussage im Stadtraum in Ordnung, wenn der für die Platzierung Verantwortliche darauf besteht, es nicht so zu meinen? Benjamins Indienstnahme für einen Raum, der einem Antisemiten eine Bühne gibt, ist und bleibt ein Skandal. Kollhoff weiß um Pounds politische Ansichten. Er gab an, dass er es „schön“ finde, Benjamin mit dem Faschisten und Antisemiten Pound zu konfrontieren. Egal, ob es Kollhoffs Intention war oder nicht, was er bedeutungsvoll raunend als „schön“ bezeichnet, ist geschmacklos und kommt einer Verhöhnung des Schicksals Benjamins gleich.

Darüber hinaus möchte ich als Kunsthistorikerin auf dem methodologischen Einwand bestehen, dass wir in unserem Fach eine Architekturgeschichte und keine Architektengeschichte zu schreiben haben. Analysen und Interpretationen von Architekturen bedürfen nicht der Bestätigung durch den Architekten, sie können anders akzentuiert sein oder konträr stehen zu seinen Selbstäußerungen. Es ist nicht verpflichtend, den Architekten nach seinen Intentionen zu befragen. Zumal Kollhoff der Hinweis auf Pounds Antisemitismus seit Jahren bekannt ist und er sich nach wie vor im Recht sieht.

Wenn nun der wohlfeile Einwand erhoben wird, warum man gerade so eine olle Kamelle ausgegraben habe, liegt die Antwort auf der Hand: Bislang hat es (fast) niemanden interessiert, es gab keine Änderung am Platz, es gab nicht einmal eine Debatte. Vielleicht ist das der wunde Punkt, der bei den Kritikern (wie üblich in der Architektur: fast ausschließlich sind es Männer) des Artikels getroffen wurde: Dass sie es in den letzten 20 Jahren nicht für nötig gehalten haben, diese Debatte zu führen. Trotz der nun zahlreich erschienenen aufgeregten Kommentare lässt sich konstatieren, dass die Auseinandersetzung weiterhin verweigert wird. Stattdessen wird über Kollhoffs Seelenleben meditiert, sich um seine weitere Karriere gesorgt und er in Schutz genommen gegen Anwürfe, die nicht erhoben wurden.

Die Diskussion sollte sich besser um die Frage drehen, wie der zukünftige Umgang mit dem Platz aussehen und wie die symbolische Gewalt eingeschränkt werden kann. Der Einwurf, ein Kaffee auf dem Walter-Benjamin-Platz lasse niemanden zum Faschisten werden, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Denn wir wissen, dass Antisemitismus in Deutschland nicht auf symbolische Gewalt beschränkt ist. So ist beispielsweise 2018 ein zehnprozentiger Anstieg antisemitischer Straftaten registriert worden.

In den letzten Wochen kam es erneut zu mehreren tätlichen Angriffen, unter anderem in Berlin, München und Halle. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit wird öffentlich diskutiert, ob sich Juden und Jüdinnen in der Öffentlichkeit als solche zu erkennen geben sollten oder ob sie um ihrer Sicherheit willen Zeichen ihrer religiösen Zugehörigkeit (wie die Kippa oder den Davidstern) lieber verbergen sollten.

Nicht alle Menschen, für die rechte Räume eine konkrete Bedrohung darstellen, haben diese Option, sich von der Mehrheitsgesellschaft ununterscheidbar zu machen. Im Themenheft der ARCH+ ist nachzulesen, was alltäglicher Rassismus in Deutschland für eine Schwarze Frau bedeutet und wie dadurch auch ein Supermarktparkplatz zur No-go-Area werden kann. Die bedrückende Selbstauskunft von Anna Yeboah wurde in der Rezeption des Heftes nicht wahrgenommen. Anstatt sich um einen alten weißen Mann zu sorgen, sollten wir darüber sprechen, warum nicht-weißen Nicht-Männern und ihren Erfahrungen so wenig Raum gegeben wird und wer dafür verantwortlich ist. Und vor allem darüber, wie wir das ändern können. Die Betroffenen haben dazu einiges zu sagen.

Annika Wienert (* 1981) ist Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut Warschau.

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„that design might cover their face“: Zum Antisemitismus in Ezra Pounds „Usura-Canto XLV“

Von Marc Priewe

Die neu aufgeflammte Diskussion um den Walter-Benjamin-Platz in Berlin rankt sich nicht nur um die architektonischen Anleihen der Leibniz-Kolonnaden beim italienischen Faschismus, sondern auch um die anonyme Inschrift mit den kryptisch anmutenden Versen, die, wie unlängst bekannt wurde, „Canto XLV“ von Ezra Pound einleiten: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / daß die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“

Das italienische Wort „Usura“ für den englischen Begriff „usury“ werden nur wenige Besucher des Walter-Benjamin-Platzes kennen. Die ortsinteressierte Besucher*in mag auf ihrem Mobiltelefon nach dem Wort suchen und findet als Übersetzung unter anderem die Begriffe „Zinsen“, „Nutzung“ und „Wucherei“. Eine weitere Erläuterung erfolgt nicht, und so erfährt man weder etwas über die Unterschiede zwischen den Begriffen noch über die antisemitische Konnotation der in Stein gemeißelten Verse. Da diese zudem anonymisiert sind, kann keine weitere Kontextualisierung erfolgen. Erst eine Internetsuche des Titels und des ersten Verses des Gedichts weisen auf den amerikanischen Dichter Ezra Pound hin. Im Folgenden möchte ich die fehlende Kontextualisierung des Gedichtes skizzenhaft nachholen, denn nur so können die auf der Bodenplatte verewigten Verse Pounds angemessen eingeordnet werden. Dabei möchte ich der Aussage des Architekten Hans Kollhoff widersprechen, der Inschrift am Walter-Benjamin-Platz laste nichts Anrüchiges an, denn Pound sei kein Antisemit gewesen, da er seinen Antisemitismus zum Ende seines Lebens kritisiert und abgelegt habe.01 Als er „Canto XLV“ 1936 erstmals veröffentlichte, war Ezra Pound sehr wohl ein Antisemit und überzeugter Verfechter des italienischen Faschismus. Zudem löscht seine späte Absage an den Antisemitismus nicht die Judenfeindlichkeit in seinen früheren Briefen, Aufsätzen, Büchern und Gedichten. Im Mittelpunkt meiner Ausführungen steht daher die Publikations- und Rezeptionsgeschichte von „Canto XLV“, an der sich zum einen die Vielschichtigkeit von Pounds poetischem Wirken ablesen und zum anderen eine klare Verbindung zum Antisemitismus in Europa und den USA ziehen lässt.

Ezra Pound war Gründungsmitglied der avantgardistischen Imagisten- und Vortex-Bewegungen sowie Förderer von T. S. Eliot, Ernest Hemingway und vielen anderen Schriftsteller*innen der Moderne. Bis heute bleibt er eine zutiefst umstrittene Figur im literarischen Kanon der USA aufgrund seiner Verehrung und Propagandatätigkeiten für Benito Mussolini. Seine teils wöchentlich ausgestrahlten Radiosendungen für das faschistische Regime in Italien führten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Heimat zum Vorwurf des Hochverrats, dem er sich nur durch eine Einlieferung in die St. Elizabeths Anstalt für kriminelle Geistesgesörte in Washington entziehen konnte. Bei seiner Rückkehr nach Italien 1958 zeigte er trotzig den Mussolini-Gruß und setzte sich erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1972 mit seinem Antisemitismus kritisch auseinander. Dabei kam er zu der Erkenntnis, dass nicht der Zinswucher, sondern die menschliche Gier ursächlich für Krieg, Leid und Zerstörung gewesen seien.02 In den späten 1920er-Jahren beginnen Pounds Schriften zunehmend wirtschaftskritische Züge anzunehmen. Wie viele seiner Mitmenschen sucht der 1924 nach Italien übergesiedelte amerikanische Exilant im Anschluss an die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges nach Gründen für dessen Ausbruch und für die erlittenen persönlichen wie zivilisatorischen Verluste. Pound entdeckt zunächst für ihn einleuchtende Antworten in den Sozialkredit-Theorien des englischen Hobbyökonomen Clifford H. Douglas, der 1920 in seinem Buch Economic Democracy eine frühe Version der Idee des „bedingungslosen Grundeinkommens“ vorgelegt hat, und anschließend in den Überlegungen zum „Schwundgeld“ von Silvio Gesell, dessen praktische Umsetzung im österreichischen Wörgl Pound Anfang der 1930er-Jahre aufmerksam beobachtet. Wie andere Intellektuelle seiner Zeit findet er in dem auf Schulden und Zinsen basierenden internationalen Geld- und Finanzsystem den Hauptschuldigen für den Krieg und für das Übel der Menschheit schlechthin. Mit dem Börsencrash und der darauffolgenden Weltwirtschaftskrise beginnt sein ökonomisches und kulturelles Denken und Schreiben radikalere Züge anzunehmen. Nach seiner Abkehr vom Marxismus sieht er in Mussolini den einzigen Politiker, der gewillt sei, seine ökonomischen Überzeugungen von der Abschaffung des bestehenden Zinssystems zugunsten der arbeitenden Bevölkerung in die Tat umzusetzen. Immer agitierender schreibt Pound nun wiederholt Briefe an Künstler*innen und Politiker in der festen Überzeugung, die bisher verschleierte Wahrheit über globale Wirtschafts- und Finanzzusammenhänge gefunden zu haben – und wirbt eindringlich für die Politik Mussolinis.03

Seine kritische Haltung zum globalen Wirtschafts- und Finanzsystem entwickelt Pound zunächst, ohne eine Glaubensgemeinschaft besonders hervorzuheben. In seinem ersten Hauptwerk zu ökonomischen Fragen, dem ABC of Economics (1933), kritisiert er die Privatisierung der nationalen Finanzwirtschaft in England seit der Gründung der Bank von England im Jahr 1694, unter anderem durch die Familie Rothschild, allerdings ohne Namensnennung oder antisemitische Anspielungen. Begriffe wie „Jew“ (Jude) oder „usury“ (Zins/Wucher) werden im Text gänzlich vermieden.04Dies ändert sich im weiteren Verlauf der 1930er-Jahre und insbesondere in den Kriegsjahren. Ins Zentrum seiner Kritik in fast all seinen Schriften zu politischen Themen rückt nun der Zinswucher als Schlüssel zum Verständnis der Ökonomie, der Geschichte und der verschiedenen Sündenfälle der Menschheit. 1939, als der europäische Antisemitismus auf seinen tragischen Höhepunkt zusteuert, schließt Pound seinen Essay „What is money for?“ mit den Worten: „USURY is the cancer of the world, which only the surgeon’s knife of Fascism can cut out of the life of the nations.05

Pound vertritt nun vehement die These, dass eine angeblich jüdisch dominierte Finanzwirtschaft die Kreativität der Kunst und die Entfaltungskraft der Menschen insgesamt einenge, indem sie menschliche Werke in Ware verwandle. „Der Jude“ kaufe und verkaufe, stelle aber nichts her, sondern verdiene parasitär über das Zinswesen an der Produktivkraft anderer. Pounds Kritik basiert nicht so sehr auf moralischen Grundsätzen, die noch von den Kirchenvätern gegen Zins und Wucher ins Feld geführt wurden. Vielmehr bemängelt er, dass überschüssiges Kapital nicht mehr in „wahre“ Kunst und Handwerk investiert würde, sondern spekulativ nach „Selbstvermehrung“ suche. Zudem verhindere ein zu hoher Zinsfuß, dass Handwerker*innen, Landwirte und Künstler*innen ein angemessenes Leben führen könnten. Mit seiner (falschen) Gleichsetzung von Gewinnstreben, Judentum und Wucherpraktiken rekurriert Pound auf eine bis ins Mittelalter zurückreichende Geschichte antisemitischer Diskurse und Handlungen.06

In seinem poetischen Hauptwerk, den Cantos, an denen er von 1911 bis zu seinem Tod 1972 arbeitete, beginnt ab „Canto XXII“ der Einfluss dieser ökonomischen Themen sichtbar zu werden. In der Fünften Dekade der Cantos (XLII bis LI) tritt die Kritik am herrschenden Zinssystem dann deutlich in den Vordergrund. Die Dekade beginnt mit einem historischen Exkurs über die Gründung der Bank von Siena, die Pound als ein Beispiel für eine „gute“ Bank ins Feld führt, da sie durch einen niedrigen Zins der Allgemeinheit verpflichtet geblieben war und ihren Reichtum auf die landwirtschaftliche Produktion des Umlands stützte. Pound erklärt anschließend, dass diese Art des Wirtschaftens im Zuge der Gründung der Bank von England im Jahre 1694 abgelöst wurde. Seither herrschten privates Gewinnstreben und Zinswucher und ein Bankensystem, das staatlich legitimiert via Spekulation Geld „aus dem Nichts“ kreieren könne.07

Den Höhepunkt seiner poetischen Ökonomie- und Gesellschaftskritik bildet „Canto XLV“, den Pound verfasste, als in Italien die Verabschiedung rassistischer, antisemitischer Gesetze unmittelbar bevorstand. In dem sogenannten „Usura-Canto“ wird eine Liste von Hemmnissen, die das vom Zinswucher beherrschte Wirtschafts- und Finanzwesen dem Handwerk und der Kunst scheinbar auferlegt hat, in typisch Poundscher Manier vorgetragen, wobei sich die Linie zwischen poetischem und politischem Antrieb des Dichters zunehmend verwischt. Das Gedicht wird zunächst 1936 in der Zeitschrift Prosperity (4.3) veröffentlicht und 1937 im Zuge der Fifth Decade of Cantos, XLII–LI in Großbritannien und den USA in Buchform publiziert. Fragmente aus „Canto XLV“ werden im abschließenden „Canto LI“ wiederholt und so die Botschaft über Usura noch einmal verstärkt. „Canto XLV“ hatte offensichtlich für Pound derart überzeugendes Potential, dass er das Gedicht anlässlich seiner Rede in Harvard 1939 vortrug und es für seine faschistischen Radiosendungen in den Jahren 1944/45 eigenständig ins Deutsche und Italienische zu übersetzen versuchte. Die erste deutsche Fassung erschien 1953, kurz nachdem Pound eine erklärende Fußnote zum Begriff „usury“ eingefügt hatte.08

Lost in Translation: Die deutsche Übersetzung

In einem vielfach zitierten Brief gibt Ezra Pound seiner deutschen Übersetzerin Eva Hesse erheblichen Spielraum bei der Übersetzung seiner Gedichte: „Damn it – don’t translate what I wrote, translate what I meant to write.09 (Verdammt – übersetzen Sie nicht, was ich geschrieben habe, sondern was ich zu schreiben beabsichtigte.) Diesen Freiraum nutzte Eva Hesse bei der Übersetzung des Usura-Cantos an entscheidenden Stellen. Während die ersten beiden Zeilen Sinn und Wortwahl des Originals getreu wiedergeben, weicht die Übersetzung der dritten Zeile von „that design might cover their face“ nach „dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert“ vom Original erheblich ab. Hesse begründet ihre architektonische Interpretation mit der ursprünglichen dritten Zeile des Gedichts in der handschriftlichen Version („so that one man limns their surfaces“10) und mit einer Referenz aus einem Brief an T. S. Eliot vom Januar 1935, in dem Pound schreibt: „Je genauer man sich die Maiänder Rede [von Mussolini am 6.10.1934; MP] ansieht, desto mehr drängt sich die Erinnerung an Brancusi auf: die Steinquadern, denen kein Makel anhaftet, von welchem Gesichtswinkel aus man sie auch betrachtet.11 Die in „Canto XLV“ verwendeten fragmentierten Bilder aus der Architektur sollen an weiterreichende historische und politische Zusammenänge erinnern, die zu einer Produktionsweise geführt hätten, die durch den Zinswucher um ihre natürliche Entfaltungsmöglichkeiten gebracht wurde. Pound sieht in der Architektur eine – wenn nicht die beste – Möglichkeit, das Bewusstsein der Massen zu verändern, nämlich dann, wenn Gebäude über ihre reine Funktionalität hinaus einen Weg in eine andere, bessere Zivilisation aufzeigten. Wenn die Menschheit jedoch weiterhin in der Geiselhaft einer „usurocracy“, der Herrschaft der Zinswucherer bleibe, könnten weder gute Häuser noch partizipatorische Gesellschaften (auf)gebaut werden.12

Entgegen der recht eindeutig architektonischen Übersetzung der ersten drei Verse des Usura-Cantos (die diesen deutlichen Sinnzusammenhang überhaupt erst herstellt), ist im englischen Original die Zeile „that design might cover their face“ mehrdeutiger und assoziativer angelegt. Bei Pound ist die Referenz von „their“ nicht klar markiert und könnte sich auf die Steine, die Häuser oder gar auf die Betreiber von Usura, die wucherischen Geldleiher und Bankenbesitzer, beziehen. Hesse übersetzt und interpretiert diese Zeile explizit architektonisch und nicht etwa politisch, zum Beispiel, dass das Design von Waren oder Häusern das „eigentliche“ Gesicht der Wucherer beziehungsweise des Wuchers an sich geradezu hinterlistig überdeckt („cover their face“). Dies würde einerseits besser zu Pounds Kritik an Usura passen. Andererseits verschleiert die deutsche Übersetzung von „cover their face“ die darunterliegende antisemitische Trope, dass Juden, wenn sie sich assimilieren und zum Christentum übertreten, in Wahrheit weiterhin und weitgehend unsichtbar durch ihren Glauben mit der jüdischen Gemeinschaft verbunden bleiben. Hesse gibt in ihren Erläuterungen zu „Canto XLV“ keine Hinweise auf die Verknüpfung von „usury“ mit dem Judentum in dem Gedicht oder in anderen Schriften Pounds, in denen er auf die lange kulturelle Tradition der Figur des „Wucherjuden“, die schon bei Dante und Shakespeare prominent war, rekurriert. Einem Gelehrten wie Pound muss bewusst gewesen sein, dass in Europa und den USA die Gleichsetzung des Wuchers mit dem Judentum ein weit verbreiteter antisemitischer Topos war. Schließlich hat er diesen in den Cantos wie in anderen Schriften selbst immer wieder perpetuiert, zum Beispiel mittels Anspielungen auf (jüdische) Pfandhändler („Canto XLIII“), auf „judenfreundliche“ Politiker („Canto L“) oder durch die Verbreitung der antisemitischen Verschwörungstheorie, die Juden seien für den Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs verantwortlich gewesen („Canto XLVIII“).13

Lost in Admiration: Die kritische Rezeption

Sucht man nach weiteren Hinweisen auf den Grad des Antisemitismus in Pounds Werk, stößt man schnell auf den 1990 erschienenen Aufsatz von Wendy Flory, abgedruckt im renommierten Nachschlagewerk, dem Cambridge Companion to Ezra Pound. Darin bestreitet die Autorin, dass „Canto XLV“ antisemitisch sei, und entschuldigt Pounds Verehrung und Dienst für den italienischen Faschismus unter anderem mit einer selektiven Verwirrung: poetisch genial, politisch-ökonomisch wahnsinnig.14 Auch der angesehene Biograf A. David Moody, der 2015 einen Band über Pounds Schaffen in den 1940er-Jahren vorgelegt hat, kann in dem Canto keinen Antisemitismus erkennen.15 Pounds deutsche Übersetzerin bescheinigt dem Dichter in einem Interview eine lebenslange Anhängerschaft an den Faschismus, liest „Canto LXV“ jedoch als zeitlose Kapitalismuskritik. Man müsse „usura“ lediglich durch „Wachstum“ ersetzen und könne dann bewundern, wie hellseherisch richtig Pound mit seiner „Kritik“ gelegen habe.16 Ähnlich argumentiert beispielhaft für viele andere Literaturwissenschaftler*innen Delmore Schwartz, der vorschlägt, das Wort „usura“ durch „Kapital“ zu ersetzen, wenn uns die zugrunde liegende Ideologie des Cantos nicht gefiele.17 Man mag argumentieren, dass zum besseren Verständnis des Werkes eine Substitution von „usura“ durch andere Begriffe des Finanzkapitalismus durchaus sinnvoll ist. Aber damit landet man schnell bei linken wie rechten Verschwörungstheorien, wonach das Judentum mit den aktuellen Auswüchsen des global agierenden Kapitalismus gleichzusetzen oder zumindest damit eng verwoben sei. Die Annahme, dass Pound hier lediglich die zerstörerischen Seiten des Kapitalismus beschreibt und zu Recht kritisiert, negiert den dem Begriff und Konzept „usura“ innewohnenden, historisch gewachsenen Antisemitismus.

Entgegen diesen hier nur beispielhaft angeführten apologetischen Blicken auf Pound und insbesondere auf „Canto XLV“ gehen andere Leser*innen und Literaturwissenschaftler* innen deutlich kritischer mit dem Autor ins Gericht. Nach Ansicht von Leland Peterson schießt Pound in „Canto XLV“ über das selbst gesetzte Ziel hinaus. Er attestiert dem Gedicht zwar eine gelungene Bildsprache, Metrik und Eloquenz, bezweifelt aber den Wahrheitsgehalt der Aussage, gute Kunst und solides Handwerk könnten nicht in einem auf Zinsen und Schulden basierenden Wirtschaftssystem entstehen.18 Andrew Parker weist darüber hinaus die Verbindungen zwischen Pounds ökonomischen Ansichten und seinem Antisemitismus nach, indem er seine charakteristische und durchgängige Identifikation des Wucherers mit dem Judentum analysiert.19 Dies geschieht in Pounds Schriften zunächst unterschwellig, äußert sich dann aber explizit in seinen Radiosendungen während des Krieges, in denen er Begriffe wie „Jewsury“ und „Jewspaper“ benutzt, um die These der jüdischen Weltverschwörung zu propagieren.20 Insbesondere der Neologismus „Jewsury“ zeigt, was Pound mit dem Begriff „usura“ eigentlich meint: die exklusive Verknüpfung des Judentums mit dem auf Zinsen und nationalen Schulden basierenden Wirtschaftssystem.

Je mehr man die literaturwissenschaftlichen Debatten über Pounds Affiliationen mit dem italienischen Faschismus erkundet, desto deutlicher wird, dass die politischen Überzeugungen und Aktivitäten des Autors seit den späten 1940er-Jahren gerne mit Samthandschuhen angefasst werden. Über seinen Antisemitismus und seine unverhohlene Begeisterung für den italienischen Faschismus schreibt man nicht so gerne, denn es beschädigt oder zerstört potentiell die Reputation des verehrten Dichters. In jüngster Vergangenheit hat jedoch die Studie des Historikers Matthew Feldman neuen Wind in die Diskussion gebracht. Als Experte für die Geschichte des Faschismus (und nicht als Literaturwissenschaftler) weist er die Mittäterschaft Pounds am Propagandafeldzug der italienischen Faschisten und Nationalsozialisten in der Republik von Salò unmissverständlich nach.21 Anstatt Pound weiterhin in Schutz zu nehmen, indem man das lyrische Ich vom Autor trennt oder ihm Masken attestiert, die er in seinem epischen Gedicht immer wieder aufsetzt – „to cover his face“ –, sollte man sich vor Augen führen, dass er in Teilen seines Werkes immer wieder die modernistische Maske ablegt und sein antisemitisches Denken kristallisiert zum Vorschein kommt. Es muss deutlich gesagt werden: Pound beteiligte sich daran, Opfer zu Tätern zu machen, indem er in dem Usura-Canto und in seinem Gesamtwerk das Judentum gleichsetzt mit zerstörerischen Finanzpraktiken und ihm eine perfide Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft unterstellt.

Fazit

Die Bodenplatte von Kollhoff auf dem Walter-Benjamin-Platz ist unter anderem deshalb schwer zu ertragen, weil Pound seine faschistischen Überzeugungen nach dem Zweiten Weltkrieg auch dann nicht ablegen wollte, als deutlich wurde, welches Ausmaß die industrielle Vernichtung der europäischen Juden angenommen hatte. Vielmehr unterstützte er während seiner „Gefangenschaft“ in der psychiatrischen Anstalt St. Elizabeth’s den Ku-Klux-Klan, wandte sich gegen die Aufhebung der Rassentrennung im Süden der USA durch den Obersten Gerichtshof im Jahr 1954, ermutigte den amerikanischen Neo-Nazi Eustace Mullins, eine Studie über die Federal Reserve Bank als Teil der angeblichen jüdischen Weltverschwörung zu verfassen, und unterzeichnete manche Briefe mit „Heil Hitler“ und dem Hakenkreuz. Wie in seinen Radiosendungen behauptete er weiterhin, dass die Roosevelt-Regierung von feindlichen Mächten unterwandert gewesen sei, und machte keinen Hehl aus seiner Ansicht, dass der Zweite Weltkrieg ein weiterer „Auftragskrieg“ des Judentums gewesen sei.22 Bis heute ist Pound daher eine Gallionsfigur der transnationalen neuen Rechten in Europa und Amerika und gilt als ideologischer Vordenker für Neo-Faschist* innen in Italien, Großbritannien, Deutschland und den USA.23

Die Verse Pounds am Walter-Benjamin-Platz sind in der Tat, wie Verena Hartbaum schreibt, „eine antisemitische Flaschenpost aus der Zeit des italienischen Faschismus“24. Sie sind antisemitisch, da sie direkt anknüpfen an einen länger wirkenden und historisch verankerten Diskurs des „Wucherjuden“ als Ausgangspunkt für ein jüdisch dominiertes Welthandels- und Finanzsystem. Dieser Diskurs schürt weiterhin antisemitische Ressentiments, von links wie von rechts. Was früher die Legenden über Brunnenvergiftungen oder Ritualmorde waren, sind heute Verschwörungstheorien von der „Holocaustlüge“, der Ermordung Kennedys, 9/11 oder der Rothschilds: Scheinbar nicht enden wollend, plane „der Jude“, geldgierig und parasitär, die Erlangung der Weltherrschaft. Pounds Schriften nehmen Teil an der Verbreitung dieser Vorstellungen, und so bleibt fraglich, ob seine Verse unwidersprochen einen Platz im Zentrum der Stadt, aus der heraus der Holocaust geplant und durchgeführt wurde, einnehmen sollten.

Marc Priewe (* 1968) ist Professor für Amerikanistik und Neuere Englische Literatur am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart.

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  • 01 Peter von Becker: „Spiel mit der Provokation“, in: Der Tagesspiegel, 4.6.2019, www.tagesspiegel.de/kultur/ berliner-architekturstreit- spiel-mit-der-provokation/ 24416220.html (Stand: 17.9.2019)
  • 02 Pounds Aussage, „Was USURA angeht, so hatte ich das unscharf eingestellt und ein Symptom für die Ursache gehalten. Die Ursache ist HABGIER“, wird erstmals 1944 auf Italienisch veröffentlicht. Die englische Übersetzung ist datiert vom 4.7.1972. Vgl. Eva Hesse (Hg.): Ezra Pound. Usura-Cantos XLV und LI – Texte, Entwürfe und Fragmente, Zürich 1985, S. 71
  • 03 Vgl. Tim Redman: Ezra Pound and Italian Fascism, Cambridge 1991; Peter Nicholls: Ezra Pound – Politics, Economics and Writing. A Study of The Cantos, London 1984, S. 79–105
  • 04 Pound war sich durchaus bewusst, dass Juden allgemein als Sündenböcke missbraucht wurden, allerdings sind selbst seine differenzierend gemeinten Aussagen antisemitisch gepr.gt, zum Beispiel wenn er Juden bittet, sich ihrem scheinbar inhärenten Problem (dem Zinsgebot für Nicht-Juden) zu stellen. Vgl. Ezra Pound: Selected Prose, 1909–1965, New York 1973, S. 299
  • 05 Ebd., S. 300. „Der Wucher ist das Krebsgeschwür der Welt, dass nur das chirurgische Messer des Faschismus aus dem Leben der Nationen herausschneiden kann.“ (Übersetzung MP)
  • 06 Bekanntlich hob Papst Alexander III. im späten 12. Jahrhundert das Zinsverbot für Juden exklusiv auf. Zugleich wurden Juden vielerorts in Europa von der Handwerkerzunft und von Grundbesitz ausgeschlossen, so dass der private Geldverleih für viele zeitweise die einzige Möglichkeit der Lebenssicherung darstellte. Im Zuge dessen entwickelte sich das antisemitische Stereotyp vom geldgierigen, betrügerischen „Wucherjuden“. Vgl. Francesca Trivellato: The Promise and Peril of Credit – What a Forgotten Legend about Jews and Finance Tells Us about the Making of European Commercial Society, Princeton 2019; Meghnad Desai: The Route of All Evil – The Political Economy of Ezra Pound, London 2006, S. 46–76; Helmut Walser Smith: „The Discourse of Usury – Relations between Christians and Jews in the German Countryside, 1880–1914“, in: Central European History 32, Nr. 3 (Herbst 1999), S. 255–76
  • 07 Ezra Pound: Die Cantos, übers. von Eva Hesse und Manfred Pfister, zweisprachige Ausgabe, Zürich 2013, S. 1256
    1. 08 „Usura: Eine Gebühr, die für den Nießbrauch der Kaufkraft erhoben wird, ohne Rücksicht auf die Produktion, oft nicht einmal auf die bloße Möglichkeit der Produktion“. Ebd., S. 357
    1. 09 Hannes Hintermeier: „Warum kommen Sie nicht von Pound los? Im Gespräch mit Eva Hesse“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.8.2012, www.faz.net/aktuell/feuilleton/ im-gespraech-mit-eva-hessewarum- kommen-sie-nichtvon- pound-los-11842691.html (Stand: 17.9.2019)
    1. 10 Hesse 1985 (wie Anm. 2), S. 20. „so dass ein einziger Mensch ihre Oberflächen zeichnet“ (Übersetzung MP)
    1. 11 Ebd., S. 74
    1. 12 Vgl. William M. Northcutt: „What the Architecture Said – A Benjaminian Reading of Ezra Pound’s Quest for the Paradiso“, in: EESE 9 (1996), webdoc.sub.gwdg.de/edoc/ ia/eese/artic96/northcut/9_96. html (Stand: 17.9.2019). Hier zeigen sich auch die Überlappungen von Pounds ökonomischen und zivilisatorischen Ansichten mit den Zielen der Futuristen-Bewegung um den italienischen Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti. In ihren Briefen teilen die beiden Literaten ihre Bewunderung für die protofaschistischen Architekturentwürfe des italienischen Futuristen Antonio Sant’Elia, die sie (vergeblich) in die Tat umsetzen wollten. Vgl. David Barnes: „Fascist Aesthetics – Ezra Pound’s Cultural Negotiations in 1930s Italy“, in: Journal of Modern Literature 34, Nr. 1 (Herbst 2010), S. 19–35, hier S. 27
    1. 13 Pound 2013 (wie Anm. 7), S. 334, 384, 372
    1. 14 Wendy Stallard Flory: „Pound and Antisemitism“, in: Ira B. Nadel (Hg.): The Cambridge Companion to Ezra Pound, Cambridge 1999, S. 284–300. Ähnliche Versuche, Pounds Faschismus und Antisemitismus zu entschuldigen, finden sich unter anderem in Hugh Kenner: The Pound Era, Berkeley 1971, S. 465; Christine Brooke- Rose: A ZBC of Ezra Pound, Berkeley 1971, S. 25 
    1. 15 A. David Moody: „On Matthew Feldman’s Ezra Pound’s Fascist Propaganda, 1939–1945“, in: Make it New – The Ezra Pound Society Magazine 1, Nr. 3 (November 2014), makeitnew.ezrapoundsociety. org/volume-i/voli- no-3/reader-responsesfeldman (Stand: 16.9.2019)
    1. 16 Hintermeier 2012 (wie Anm. 9) 
    1. 17 Delmore Schwartz: „Ezra Pound’s Very Useful Labors“, in: Poetry 51, Nr. 6 (März 1938), S. 324–339, hier S. 331  
        1. 18 Leland D. Peterson: „Ezra Pound – The Use and Abuse of History“, in: American Quarterly 17, Nr. 1 (Frühjahr 1965), S. 33–47, hier S. 44, vgl. Desai 2006 (wie Anm. 6), S. 100 f.
        1. 19 Andrew Parker: „Ezra Pound and the ‚Economy‘ of Anti-Semitism“, in: Boundary 2 11, Nr. 1/2 (1983), S. 103–28, hier S. 109
        1. 20 Leonard W. Doob (Hg.): „Ezra Pound Speaking“ – Radio Speeches of World War II, Westport 1978, S. 254
            1. 21 Matthew Feldman: Ezra Pound’s Fascist Propaganda, 1935–45, London 2013
            1. 22 Daniel Swift: The Bughouse – The Poetry, Politics, and Madness of Ezra Pound, New York 2017
            1. 23 Andrea Rinaldi, Matthew Feldman: „‚Penny-wise …‘: Ezra Pound’s Posthumous Legacy to Fascism“, in: Sanglap – Journal of Literary and Cultural Inquiry 1, Nr. 2 (2015), S. 27–70
            1. 24 Verena Hartbaum: „Rechts in der Mitte – Hans Kollhoffs CasaPound“, in: ARCH+ 235 Rechte Räume (2019), S. 218–225, hier S. 219

 

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