ARCH+ 173

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Erschienen in ARCH+ 173,
Seite(n) 24-25

ARCH+ 173

Sleeping Beauty

Von Jensen, Gesine /  Lux, Susanne /  Pucci, Ingo /  Rappel, Christian /  Stempl, Markus

Sleeping Beauty - Dornröschen

Manifest für die Latente Stadt Es scheint zumindest folgerichtig, daß in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität die Stadt wächst, große Unternehmen in die Höhe bauen, kleine Bankfilialen ihre Fassaden mit spanischem Naturstein verkleiden und der private Bauherr sein Glück im Speckgürtel der Stadt findet. Der Gegenentwurf zur wachsenden Stadt könnte der rational durchaus schlüssige Rückbau derselben sein. Ist dieser Prozeß des Schrumpfens aber für die nachfolgenden Generationen im Stadtbild noch erkennbar? Büßt die Stadt auf diese Weise nicht ihren Charakter ein? Wird dadurch nicht ein Teil der Kulturgeschichte eliminiert? Was kann abgerissen werden? Das Unbrauchbare, das Häßliche, das Verwitterte? Darf man sich eines Stücks Stadt eines totalitären Regimes entledigen? Konzepte, die einen Rückbau von schrumpfenden Städten auf die alte Stadt fordern, sind sehr bequem und gleichermaßen populär – machen sich aber bereits bei der Definition von “alt” angreifbar. Mit einer schrumpfenden Stadt in Dialog zu treten, statt sie teilweise zu amputieren, ist die Handlungsstrategie der vorliegenden Arbeit.

Basis Ein “Baugesetz” verbietet Neubauten und erläßt ein Abrißverbot. Es gilt der Grundsatz, daß das Stadtvolumen (Brutto-Raum-Inhalt der Stadt) gleich groß bleiben soll. Verlassene Gebäude werden als solche im Stadtgefüge dezidiert kenntlich gemacht und in ein künstliches Koma versetzt. Parallel dazu werden Baugesuche nur noch für Umbaumaßnahmen genehmigt, die vorhandene Gebäudevolumen besetzen. Dadurch werden Bauherren dazu bewegt, ihre Projekte (vom Einfamilienhaus bis zum Möbeldiscount) im Bestand zu realisieren. Wenn “neu gebaut” werden soll, geschieht dies nicht auf der grünen Wiese, man nistet sich vielmehr in das bestehende Stadtvolumen ein. Szenarien In szenographischen Modellstudien wurden zwei charakteristische Stadtteile von Halle (Südliche Stadterweiterung und Neustadt, wobei hier nur letztere vorgestellt wird) in unterschiedlichen Koma-Stufen untersucht. Das theoretisch denkbare Szenario PLUS wurde nicht behandelt. Szenario MINUS: Die Stadt wird Stück für Stück in ein künstliches Koma versetzt: in der letzten Konsequenz bis zur Geisterstadt (Jungle-City).

Szenario ZERO: Die Situation der Stadt stagniert im jetzigen Zustand. Nach wie vor finden aber singuläre Umzugsmaßnahmen, Neuansiedlungen im Bestand und Abwanderungen statt. Einzelne Stadtquartiere und Gebäude werden ins Koma versetzt, andere wieder daraus erweckt. Es kommt zu Umbauten, in Ausnahmefällen zu Erweiterungen, aber zu keinen vollständigen Abrissen. Intakte und genutzte Gebäude bleiben unangetastet. Die übrigen Bauten werden ganz oder teilweise ins Koma versetzt bzw. umgebaut. Dabei wird das inhärente Potential der Plattenbauten genutzt. Fassadenplatten werden partiell abgenommen, nichttragende Wände entfernt. Eingriffe in die Tragstruktur werden vermieden. Dementsprechend werden zum Beispiel, um Deckendurchbrüche zu vermeiden, neue Treppen vor der Fassade angebracht.

Koma Verlassene Gebäude werden durch eine Begrünung der Fassade aus dem Stadtgefüge ausgeblendet (und der Natur zugeordnet), bleiben aber durch die Reduktion auf ihren Grundkörper als Stadtbaustein präsent. Als erster KomaSchritt wird ein Rankgerüst angebracht, das (ohne Baugerüst) von Stockwerk zu Stockwerk gespannt werden kann. Verschiedene Rankpflanzen geben den Gebäuden ein neues, sich wandelndes Kleid: Verwilderung statt Gestaltung. Ähnliches gilt für ungenutzte Freiflächen. Um den sich selbstorganisierenden Renaturierungsprozeß anzustoßen, werden Straßen und versiegelte Flächen aufgebrochen, anfallender Schutt an Ort und Stelle belassen und Saat gestreut. Manche Gebäude werden von Facility-Managern betreut, andere von Förstern und wieder andere von beiden.

Prozesse Durch das Nebeneinander von komatösen und intakten Gebäuden oder ganzen Stadtvierteln wandelt sich das Bild der Stadt zu einem langfristig nachvollziehbaren Abbild des Zeitgeschehens. Die Leere in der Stadt wird nicht totgeschwiegen, sondern akzeptiert, inszeniert und benutzt. Der Schrumpfungsprozeß bleibt in der Stadt und an den Gebäuden ablesbar: Eine Baulücke wird zum Spielplatz oder zum Einfamilienhaus, ein Häuserblock zur grünen Lunge, eine Straße zum Park, ein Plattenbau zum Bürogebäude, ein Parkplatz zum Schrebergarten, ein Bürgerzentrum zum Tennisplatz, ein Verwaltungsgebäude zur Künstlerkolonie, eine Stadt der totalen Moderne zur Gartenstadt, ein Hochhaus zum Mount Everest, ein Serienmodell zum Rohling, eine Straßenbahnlinie zum Jogging-Pfad, ein Industrieprodukt zur Enklave für Aussteiger und Einsiedler, ein Stadtteil zum Biotop. In einem Prozeß mit offenem Ende beginnen Architektur und Natur zu konvergieren: Die Latente Stadt.

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