HANS HOLLEIN

Hommage an die Praxis eines virtuosen Nachkriegsarchitekten.
Die Hollein-Retrospektiven in Mönchengladbach und Wien

Städtisches Museum Abteiberg
Abteistraße 27, 41061 Mönchengladbach
HANS HOLLEIN: ALLES IST ARCHITEKTUR
12. April – 28. September 2014

Museum für Angewandte Kunst Wien
Stubenring 5, 1010 Wien
HOLLEIN
25. Juni – 5. Oktober 2014
 

Eingangssituation MAK Wien, Foto: MAK/Mika K. Wisskirchen

Man betritt die Hollein Ausstellung im Wiener MAK durch eine Glastür. Links stehen ein paar Fiberglas Module, die der österreichische Architekt Hans Hollein (1934-2014) für einen Messestand des Wachswarenherstellers Retti  (1967, Wien) entwickelt hatte. Weiter oben an der Wand dreht sich die vielen Österreicherinnen und Österreichern vertraute Z-Kugel (1969, Wien), eine orange-weiße Kugel mit dem Logo der Zentralsparkasse der Gemeinde Wiens. Gegenüber dem Eingang ist ein Detailfoto der Austriennale (1968, Mailand) als überdimensionale Wandtapete angebracht. Rechts oben im Eck hängt ein Element der Boutique von Christa Metek (1967, Wien). Dreht man sich der Logik der Ausstellung folgend nach rechts, bleibt der Blick an einem schwebenden Teil einer Installation für die Wiener Möbelfirma Svoboda (SELECTION 66, 1966) hängen, die Hollein im Auftrag von Peter Noever im MAK installierte. In nur wenigen Augenblicken ist man als Besucherin und Besucher in die konstituierende Welt von Hans Hollein eingetaucht. Diese Welt ist der Ende der 1960er in Hochblüte stehende sozial-liberale Wohlfahrtstaat im Nachkriegseuropa, zu dessen Insignien der Messestand, das Geldinstitut einer Gemeinde, die Leistungsschauen der Industrie und der Nation, die Mode-Boutique und das öffentliche Museum zählten.



Grundriss der Ausstellung im MAK, Zeichnung: MAK

Mit den ersten Schritten in der Ausstellung ist man aber auch in eine für Hollein spezifische Organisation des Museumsraumes eingetreten, die der Kurator Wilfried Kühn und die Kuratorin Marlies Wirth zusammen mit Samuel Korn vom Büro Kuehn Malvezzi in Anlehnung an das Museum Abteiberg Mönchengladbach in das MAK installiert haben. Im langgestreckten Eingangsraum, dem großen Zentralraum und in den fünf über die Ecken erschlossenen quadratischen Räume sind die Arbeiten Hans Holleins thematisch-assoziativ geordnet. Mit der Ausstellungsarchitektur wird das oftmals als Holleins Schlüsselbau bezeichnete Museum nach Wien transponiert. Mit dieser Disposition überlagern die Kuratoren nicht nur das Kunstgewerbemuseum des 18. Jahrhunderts mit einer räumlichen Idee für die Vermittlung des späten zwanzigsten Jahrhunderts, sondern stellen auch eine konzeptionelle Nähe zur parallel in Mönchengladbach stattfindenden Ausstellung Alles ist Architektur her, die von der dortigen Museumsdirektorin Susanne Titz und ebenfalls von Wilfried Kühn konzipiert wurde. 

Magazin BAU: Alles ist Architektur, Cover, 1968, © Archiv Hans Hollein

Hollein im MAK in Wien war gemeinsam mit Alles ist Architektur im Museum Abteiberg in Mönchengladbach als Jubiläumsdoppelausstellung zum 80. Geburtstag geplant gewesen. Die beiden Soloausstellungen sollten das breite Œuvre des „internationalen Stararchitekten, einzigen österreichischen Pritzker-Preisträgers, Designers, Künstlers, Kurators, Ausstellungsmachers, Theoretikers, Lehrenden, Städteplaners, Medienvisionärs, Kulturanthropologen“, wie er im Begleittext des MAK überspitzt umschrieben wird, huldigen. Traurigerweise war Hollein schwer erkrankt und starb kurz nach seinem 80. Geburtstag im Frühjahr dieses Jahres. So konnte er beide Ausstellungen nicht mehr sehen.



Installationsansicht Museum Abteiberg Die Turnstunde, 1984, Foto: Uwe Riedel 

Die Ausstellung in Mönchengladbach versammelt Arbeiten zum Museumsbau und legt einen Schwerpunkt auf die in den Sammlungen als „künstlerisch“ katalogisierten Arbeiten. Sie stellt eine Nähe Holleins zur Kunstwelt her, indem sie teilweise Stücke aus der Sammlung des Museums den Arbeiten Holleins gegenüberstellt. Dabei wird die Ausstellungskonzeption treffenderweise als essayistisch bezeichnet. Es ist tatsächlich eine persönliche Auswahl und ein freier Umgang mit den Arbeiten. In Mönchengladbach wurde zum Beispiel die von Hollein 1984 für das Museum Abteiberg konzipierte Installation Die Turnstunde rekonstruiert, aber auch Holleins Beitrag zur documenta 8 (1987) und die Beziehung zu Joseph Beuys herausgestellt.

Ausstellungsansicht Museum Abteiberg, Beitrag zur documenta 8 Kassel, Foto: Achim Kukulies

Dabei können erstmals Exponate gezeigt werden, die sich im bisher verschlossenen Archiv Hans Holleins befanden. So kann in der Ausstellung auch der Entwurfsprozess für das Museum am Abteiberg durch eine Reihe von Arbeitsmodellen und Skizzen von Hollein und dem damaligen Museumsdirektor Johannes Cladders sowie mit Plänen überblicksweise rekonstruiert werden. Nicht ganz so geglückt ist die Präsentation des eigentlich als Performance zu lesende Projekt Mobiles Büro (1969), das als Design- oder gar Kunstobjekt präsentiert wird.



Ausstellungsansicht Museum Abteiberg, Rekonstruktion des Entwurfsprozesses zum Museum Abteiberg, Foto: Achim Kukulies 

Aber genau mit dieser Performance zum Mobilen Büro werden die Besucher und Besucherinnen in Wien empfangen. An der Stirnseite eines raumlangen Tisches steht ein Fernseher. Darin wird das 30-minütige TV-Portrait Hans Holleins aus dem Jahr 1969 gezeigt. Das Mobile Büro ist ein zirka 2:20 Minuten langer Teil dieses TV-Portraits. Der damals 34-jährige Architekt Hans Hollein präsentiert sich in dieser Fernsehdokumentation, die im Advent 1969 ausgestrahlt wurde, als hybrides Arbeitssubjekt. Hollein beschäftigt sich mit medialen Innovationen und neuen Informationstechnologien. Er ist kosmopolitischer Unternehmer und Kreativsubjekt in einem.[1] Seine Arbeit ist nicht nur Architektur, sondern auch Design, Werbung und Kunst: „Ich bin nicht so ein Architekt, der nur baut. Mich interessiert Verschiedenes. Auch die Werbung und dergleichen. Ich mache Produktvorschläge. Ich bin so etwas wie ein Idea-Man“.

MAK-Ausstellungsansicht, Foto: Peter Kainz/MAK

Dieser Eingangsraum ist den medialen Objekten Holleins gewidmet. Es sind dies seine Herausgeberschaft der Zeitschrift der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, seine Ausstellungen, aber auch kleine (Verkaufs)Displays wie das Kerzengeschäft Retti oder die Boutique CM werden hier an einem langen Tisch wie in einem Archiv präsentiert.

Ausstellungsansicht MAK, Zentralraum mit Dokumentarfotografie von Aglaia Konrad und Armin Linke, Foto: MAK/Mika K. Wisskirchen

Im Zentralraum sind Fotoarbeiten von Aglaia Konrad und Armin Linke zu sehen. Die Bilder der beiden dokumentieren den Status einer Auswahl von Architekturen Hans Holleins. So zum Beispiel die Medienlinien für den Olympia Park in München (1972), das Vulcania Museum in der Auvergne (1994-97), das Museum für Glas und Keramik in Teheran (1977-78), oder auch das Museum Abteiberg (1972-82).

Ausstellungsansicht MAK, Modell im Raum Display Architektur, Foto: MAK/Mika K. Wisskirchen

Im Raum über Display Architektur werden Hochhäuser, Leuchten, Pianofüße oder Tischobjekte in der Mitte versammelt und durchaus amüsante Ähnlichkeiten hergestellt, die durch die Aufhebung des Maßstabs und die Nähe der verschiedenen Objekte zueinander entstehen. An den Wänden werden Hochhausskizzen Holleins gezeigt, die nochmals eine andere Lesart der versammelten Modelle ermöglichen. Der nächste Raum widmet sich dem Thema der Stadtmodelle. Hier gehen die beiden Kurator/inn/en der Wiener Ausstellung einer Idee kontextueller Architektur im Schaffen Hans Holleins nach, das nicht dem Objekt selbst Bedeutung gibt, sondern die Beziehung zwischen dem Objekt und seinen Umgebungen Bedeutung hat, wie man in den im übrigen sehr kurzen und präzise gehaltenen Ausstellungstexten lesen kann.  Der Raum Werk und Verhalten. Leben und Tod. Alltägliche Situationen zeigt Fragmente der Installation Hans Holleins für den österreichischen Pavillon zur Kunst-Biennale Venedig 1972. Im Raum Kunstwelten werde Holleins Museumsentwürfe versammelt. Wiederrum werden Modelle in der Mitte des Raumes angehäuft. Das Museum in Frankfurt, der Abteiberg, und nicht zuletzt das Museum im Berg in Salzburg aber auch frühe experimentelle Studien zur Ausstellungsarchitektur werden gezeigt. Im Raum Gebaute Landschaften werden die Besucher/innen in Holleins Environment-Begriff eingeführt. Die Architekturpille, Architekturprojekte die seine Auseinandersetzung mit der Puebloarchitektur Neu Mexikos darstellen, aber auch die berühmten Collagen des Flugzeugträgers und Designobjekte für Alessi werden hier zueinander in Beziehung gesetzt. Zusätzlich wird in einem Raum der Dokumentarfilm (1994) des Theater- und Filmregisseurs und engen Freundes von Hollein, Paulus Manker, gezeigt.

Architekturpille non-physical Environments, 1967, © Archiv Hans Hollein 

Vor allem die Ausstellung in Wien ist wirklich gelungen. Schon alleine der großartigen und liebevollen Hängung der Ausstellung und ihrer klugen thematischen Auswahl der Projekte wegen, muss man sie gesehen haben. Sie huldigt die Arbeit eines virtuosen Nachkriegsarchitekten, gleichzeitig unterwandert sie auf subtile Weise die bisherige hermetische Selbstdarstellung des Wieners. Beide Ausstellungen stellen die Projekte und nicht die Person in den Vordergrund und lassen in der Zusammenschau und Auswahl einen ersten Blick auf eine Architektur zu, die ihren Ausgangspunkt am Höhepunkt des Wohlfahrtstaates und gleichzeitig auch in der sich abzeichnenden Krise der Industriegesellschaft der 1960er Jahren und frühen 1970er Jahren findet. Nicht zuletzt sind Bauvorhaben wie das Museum Abteiberg genau mit dem Niedergang einer bestimmten Ökonomie verbunden und müssen als beispielhafte Lösungsversuche verstanden werden, ebendiese Krise und die damit einhergehende radikale Reorganisierung unserer Gesellschaft zu bewältigen.

Austriennale, Österreichischer Beitrag auf der 14. Triennale di Milano, Italien, 1968, © Archiv Hans Hollein

So zeigt die assoziative Zusammenstellung der Eingangssituation in Wien implizit nicht nur das Beziehungsgeflecht von Konsum, Politik, Wirtschaft und Industrie, sondern auch die im Architekturdiskurs und auch von Hans Hollein unterdrückten Konfliktlinien der Gesellschaft im Jahre 1968. Die XIV. Triennale in Mailand, für die Hans Hollein den österreichischen Beitrag kuratiert und gestaltet hatte, war tatsächlich nie für die Öffentlichkeit zugänglich, sondern wurde zur Eröffnung von der „Versammlung der Arbeiter, Künstler und Studenten“ besetzt. So liest man in einem Artikel der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, wie sehr „die Österreicher fluchten, weil der Kunststoff in der Plasticbrillen [!] produzierenden Maschine erstarrte und nicht übersehbaren Schaden anrichtete.“[2] Dieser in der Architekturdebatte gemeinhin unterdrückte Aspekt kann und muss mit den Arbeiten einer bis heute erfolg- und einflussreichen Nachkriegsgeneration reflektiert werden, um die prinzipielle Verfasstheit einer Disziplin, die ganz ursächlich mit der Wirtschaft, der Industrie und der Politik verwoben ist, zu verstehen und nach Möglichkeiten für die heutige Praxis, die Welt zu verändern, zu fragen.

Austriennale, Österreichischer Beitrag auf der 14. Triennale di Milano, Italien, 1968, © Archiv Hans Hollein

Das jedoch ist die Aufgabe der Forschung der kommenden Jahre, die in der Ausstellung von Wilfried Kühn und Marlies Wirth über Hans Hollein, wie es scheint, schon einen Raum zugedacht bekommen hat. Der ist jedoch noch verschlossen und ergänzt im Moment nur grafisch die Geometrie des Ausstellungsgrundrisses zum vollständigen Quadrat.

Andreas Rumpfhuber


Zum Manifest "Alles ist Architektur" von Hans Hollein siehe auch Craig Buckleys Beitrag Vom Absolutem zu allem in ARCH+ 186/187

Am 28.9. findet im Museum Abteiberg in Mönchengladbach ein von Wilfried Kuehn und Susanne Titz organisiertes Symposium statt. U.a. mit Eva Branscome, Oliver Elser, Léa-Catherine Szacka, Andreas Rumpfhuber, die alle Autoren in den jüngsten ARCH+ Ausgaben waren.
Mehr zum Programm: http://www.museum-abteiberg.de/index.php?id=739


[1] Vgl. dazu: Andreas Rumpfhuber: Architektur immaterieller Arbeit (Turia und Kant, Wien: 2013), S. 139-166

[2] Manfred Sack: Triennale-Tod auf italienisch. Nach der Eröffnung von Studenten und Künstlern okkupiert, in: Die Zeit, Jahrgang 1968, Ausgabe 23, 7. Juni 1968, online: http://www.zeit.de/1968/23/triennale-tod-auf-italienisch

 

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