Holidays after the Fall

Geschrieben am 12.09.2014
Kategorie(n): ARCH+ news, Rezension

Elke Beyer, Anke Hagemann und Michael Zinganel (Hg.): Holidays after the Fall. Seaside Architecture and Urbanism in Bulgaria and Croatia, Berlin: Jovis, 2013
ISBN 978-3-86859-226-9

Eine Rezension von Anne Kockelkorn

Die Ferienarchitekturen der Nachkriegszeit sind ein Lieblingskind der modernen Stadtplanung. Sie gehören nicht nur zu deren großmaßstäblichsten Entwicklungen und zu den Schlüsselprojekten des politischen Systemwettbewerbs; sie dienten auch auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs als ideales stadtplanerisches Labor, um modernistische Doktrinen in Reinform zu testen. Historisch gehen ihre Ursprünge auf die 1930er Jahre zurück. Der Baubeginn von Prora in Deutschland oder die gesetzliche Verankerung von bezahltem Urlaub in Frankreich gaben deutliche Signale, dass sich die Sommerfrische der Eliten langfristig in Massenware transformieren würde. 1937 kamen die Ferienarchitekturen auf die Agenda des fünften CIAM-Kongresses „Wohnen und Erholung“ in Paris. Die kalkulierende Weitsicht, dass zur Erschließung von Sonne, Meer und Strand für die große Zahl Architektur und Stadtplanung notwendig sein würden, erfüllte sich jedoch erst in der Nachkriegszeit. Durch die Kombination aus staatlicher Hegemonie und der Verbindung politischer, kultureller und ökonomischer Zielsetzungen konnten die südosteuropäischen Ostblockstaaten den modernen Idealen dabei oft kompromissloseren Ausdruck geben als der Westen. Einerseits sollte die arbeitende Bevölkerung flächendeckend mit Ferienangeboten versorgt werden; andererseits galt es, über internationalen Tourismus ausländische Devisen zu generieren. So verwandelten die Tourismusarchitekturen der Adria- und Schwarzmeerküsten in Sehnsuchtsorte der seriell reproduzierbaren Ferienerfahrung unterschiedlichster Schattierung – von der Sozialkontrolle bis zur Transgression körperlicher Erfahrungen beim nächtlichen Unterhaltungsprogramm.

„Holidays after the Fall“, herausgegeben von Elke Beyer, Anke Hagemann und Michael Zinganel, begibt sich auf die Spurensuche dieser architektonischen Versuchsanordnungen in Kroatien und Bulgarien und vergleicht die Entwicklungen in beiden Ländern von der Planung bis zur Nutzung in der Gegenwart. Das von Katja Gretzinger gut lesbar gesetzte Buch schließt eine publizistische Lücke; trotz der breiten Medialisierung der Tourismusarchitekturen während ihrer Entstehungszeit ist das Thema in den gegenwärtigen Architekturdiskursen wenig präsent, auch wenn zur Jugoslawischen Nachkriegsmoderne inzwischen einige englischsprachige Monographien vorliegen.[1] Gegenüber diesen architekturhistorischen Abhandlungen zeichnet sich „Holidays after the Fall“ zum einen durch die Gegenüberstellung der beiden Länder Bulgarien und Kroatien aus: Beginnend mit synthetisierenden Überblicksessays, gefolgt von einem Spektrum repräsentativer Fallbeispiele ist jeweils eine Hälfte des Buches einem der beiden Länder gewidmet. Das zweite, entscheidendere Merkmal der Publikation ist jedoch die Betrachtungsweise der Herausgeber, die die ‚Tourismusarchitektur’ als komplexes Gesellschaftsprojekt gleichzeitig auf der Ebene territorialer Strategien, der politischen Ökonomie, der Stadtplanung und der Architektur analysieren. Einer ihrer Schlüsselbegriffe ist das „Touristische Produkt“: Diesen Begriff aus dem Fachjargon der Tourismusbranche erweitern sie vom szenographierten Dienstleistungsprodukt auf dessen urbane Setting – und verdeutlichen, dass dessen Eigenschaften von dem Zusammenspiel sehr unterschiedlicher Faktoren auf unterschiedlichen Maßstäben abhängen: von den natürlichen Ressourcen (Strand, Sonne und Meer), der industriellen Erschließung, dem Wohnungsbau des Massentourismus und der Szenographie der Erholungswelt. Der weite Erzählbogen der Essays von den späten 1950ern bis 2012 deckt dabei mehrere Phänomene auf, die nicht ohne weiteres offensichtlich sind: erstens, dass diese touristischen Produkte weder Konstanten noch ontologische Selbstverständlichkeiten sind, dass sie sich zweitens in Abhängigkeit von der politischen und ökonomischen Situation verändern und drittens drastische Wirkung auf die Umwelt haben können. 

Der Ländervergleich verdeutlicht das Spektrum und die Reichweite dieses Gesellschaftsprojekts. Die sozialistischen Ferienarchitekturen der Adriaküste sind ein Produkt der Sonderposition Jugoslawiens als blockfreier Staat. Titos Politik des Dritten Wegs erlaubte in den späten 1960erund frühen 1970ern eine avantgardistische Weiterentwicklung der Moderne und öffnete Spielräume für die Individualität des Architekten und seine Setzung der architektonischen Gestalt. Hinzu kommt, dass die jugoslawischen Ferienarchitekturen für den jungen Vielvölkerstaat eine besondere Rolle spielten und nicht nur ökonomischer Motor zur Beschaffung von Auslandsdevisen waren, sondern auch Projekt der Konsolidierung der nationalen Identität, die den Gewerkschaftsmitgliedern den kollektiven Zugang zum Strand garantierte. Die Grundtendenz dieser Anforderungen war in Bulgarien nicht unähnlich, aber das Land war blocktreu, ärmer und ließ die großen stadtplanerischen Projekte von Kollektiven ausführen, wodurch die städtebaulichen Anlagen im Gros dort interessanter sind als die architektonischen Typologien. Die punktuellen Analogien in der Entwicklung zwischen Bulgarien und Jugoslawiens, etwa bezüglich des top-down-Verfahrens der Stadtplanung, brechen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs abrupt auseinander. Kroatien hat bis heute nicht den Einbruch der Besucherzahlen durch den Bürgerkrieg aufgeholt, aber das Grundeigentum blieb dort mehrheitlich in öffentlicher Hand. Während dort einzelne Architekturjuwelen mit teilweise einzigartiger Präzision und Erfindungsreichtum nach wie vor über das Medium Architektur zwischen Strand, Landschaft und Infrastruktur vermitteln, wird Bulgarien ab 1997 einer radikalen Privatisierungskur unterzogen. Anhand der Entwicklung von Ferienorten wie Sonnenstrand zeichnet hier der Essay von Elke Beyer und Anke Hagemann die zerstörerische Gewalt ungezügelter Spekulation nach, die es möglich macht, die ursprünglich auf 30.000 Betten festgelegte Höchstgrenze eines Ortes auf das nahezu fünf- bis zehnfache – je nach Schätzung – hochschnellen zu lassen, mit entsprechenden Konsequenzen für die landschaftlichen Ressourcen und urbane Aufenthaltsqualität. Es sind diese Beobachtungen über die Entwicklungen der Longue Durée vom Sozialismus über die Wendezeit in unterschiedliche kapitalistische Systeme, die diese Publikation bemerkenswert macht und die die Tourismusarchitekturen Osteuropas aus dem Kuriositätenkabinett der Architekturgeschichte in den Brennpunkt einer aktuellen Fragestellung holt: welche Rolle Architektur dabei spielen kann, öffentliche Ressourcen für die breiten Massen zugänglich zu machen.
 


[1] Modernism-in-Between von Kulic, Mrduljaš, Thaler (2912) oder Unfinished modernisations: between utopia and pragmatism, ebenfalls von Mrduljaš (2012)

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