Ausstellungs- und Forschungsprojekt bauhaus imaginista

Geschrieben am 05.10.2018
Kategorie(n): ARCH+ news, bauhaus imaginista, Haus der Kulturen der Welt, HKW

Kapitel II: Moving Away – The Internationalist Architect in Moskau

von Alexander Stumm

bauhaus imaginista, eine Zusammenarbeit zwischen der Bauhaus Kooperation, dem Goethe-Institut und dem Haus der Kulturen der Welt, ist ein mehrjähriges Forschungsprojekt mit Ausstellungsstationen im China Design Museum (Hangzhou), im National Museum of Modern Art Kyoto, dem Garage Museum of Contemporary Art (Moskau) sowie dem SESC São Paulo. Anlässlich des 100. Bauhaus-Gründungsjubiläums wird im März 2019 eine große Gesamtschau des Projekts im HKW gezeigt. Die Ausstellungen werden gemeinsam mit den lokalen Goethe-Instituten organisiert und durch Veranstaltungen wie Workshops und Symposien in Indien, den USA, Marokko und Nigeria erweitert.

Bauhaus als Netzwerk

bauhaus imaginista nimmt die vielfältigen, aber bisher wenig beachteten Verbindungslinien zu modernen Architekturströmungen und Bewegungen in Asien, Afrika, Nord- und Südamerika in den Blick. Ziel des Projekts ist, die eurozentrische Erzählperspektive zu verlassen und damit neue Narrative sichtbar zu machen. Das Bauhaus stellt sich so vielmehr als ein internationales Netzwerk dar, in dem die Ideen von unterschiedlichen Akteur*innen in den jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten verhandelt und übersetzt – aufgegriffen, adaptiert und weiterentwickelt – wurden. Damit leistet es einen entscheidenden Grundlagenbeitrag für die postkolonialistische Erforschung des Phänomens. Dies ist auch der Grund dafür, dass sich die Kurator*innen Marion von Osten (Berlin) und Grant Watson (London) für eine dezentrale Ausstellungspräsentation entschieden, die die zusammen mit ihren Partnern vor Ort entwickelten Forschungsansätze sowie ihre unterschiedlichen Perspektiven auf das komplexe Phänomen widerspiegelt.

Vier Kapitel, die aus unterschiedlichen Formaten wie Ausstellungen, Workshops, Konferenzen oder Podiumsdiskussionen bestehen, gehen jeweils von einem spezifischen Bauhaus-Objekt aus: dem Bauhaus-Manifest von 1919, einer Collage von Marcel Breuer, der Zeichnung eines orientalischen Teppichs von Paul Klee und einem reflektorischen Lichtspiel von Kurt Schwerdtfeger. Diese Objekte sind Ausgangspunkte für spezifische Fragestellungen von bauhaus imaginista, über die transnationale Bezüge, Kontexte, Querverweise zu zeitgenössischen Debatten geschaffen werden.

Moving Away – The Internationalist Architect im Garage Museum in Moskau

Die Ausstellung Moving Away – The Internationalist Architect im Garage Museum of Contemporary Art in Moskau (12. Sept. bis 30 Nov. 2018) ist Teil des zweiten Kapitels. Sie beleuchtet, wie gestalterische und gesellschaftliche Bauhaus-Themen in der ehemaligen Sowjetunion weiterentwickelt wurden. Angelpunkt ist dabei Architekt und Stadtplaner Hannes Meyer, der 1928 Walter Gropius als Bauhausdirektor nachfolgte. Aufgrund seiner politisch-ideologischen Aktivitäten 1930 von der (sozialdemokratischen) Stadtverwaltung Dessau geschasst, emigrierte er mit einer Gruppe von Bauhaus Studierenden in die Sowjetunion und arbeitete in den folgenden Jahren als führende Figur der kommunistischen Stadtplanung.

Im Bauhaus galt Meyer nach seiner Emigration als Abtrünniger – Gropius selbst hatte ihn als Verräter diffamiert. Das Narrativ von Gropius setzte sich auch in der Architekturgeschichte durch, die ihn als technokratischen Funktionalisten stilisierte. Ein Buchprojekt über das Bauhaus als „Gegendarstellung“ der Geschichte, an dem Hannes Meyer seit 1947 in Mexiko arbeitete, wurde nie veröffentlicht. Dass das sogenannte Bauhaus Album und der gesamte Nachlass nach seinem Tod 1954 auf Archive in der ETH Zürich, dem DAM in Frankfurt sowie der Bauhaus Stiftung Dessau und dem Archiv der Moderne in Weimar aufgeteilt wurde, hat zweifellos dazu beigetragen, dass seine Leistungen in der Forschung lange vernachlässigt blieben.

Moving Away – The Internationalist Architect in Moskau weitet den Blick auf die Komplexität und Zwiespältigkeit des Werkes von Hannes Meyer. Die Kabinettausstellung präsentiert Papierarbeiten für sein „Propagandatheater co-op“, die er anlässlich der Internationalen Ausstellung des Genossenschaftswesens und der sozialen Wohnfahrtspflege in Gent 1924 entwarf. Das Stück setzte sich mit den Unvereinbarkeiten von Kapitalismus und Sozialismus auseinander und propagierte ein auf Kooperation aufbauendes Wirtschaftssystem. Die experimentellen Linolschnitte zeigen sich von aktuellen künstlerischen Entwicklungen wie dem Suprematismus beeinflusst.

Die unkritische Haltung des glühenden Kommunisten Meyers gegenüber dem herrschenden politischen Sowjetsystem bleibt in der Ausstellung nicht unausgesprochen: Seit 1934 war er theoretischer Impulsgeber der All-Union Akademie für Architektur, in der er die Abteilung für Wohnungsarchitektur, öffentliche Gebäude und Innenarchitektur leitete. Seine Forschungen zum idealen sowjetischen Wohnen korrespondieren mit Moisei Ginzburgs Wohnen (ebenfalls 1934). Den wohl weitreichendsten Erfolg von Meyers Lehrstuhl hatte Antonin Urban, der in seinen Wohnungsentwürfen jedoch auch bürgerliche Bezüge integrierte – ein Umstand, der den neuen Ansprüchen des aufkommenden Sozialistischen Realismus und dem luxuriösen Lebensstil der Sowjetelite entgegenkam. Hier kann die Ausstellung nur einen Teil des umfangreichen Forschungsprojekts zeigen, das durch ein sich mit jeder Station erweiterndes Kompendium wissenschaftlicher Beiträge auf der Website bauhaus-imaginista.org ergänzt wird.

Bis heute sind die Gründe, die Meyer 1936 zu seiner Ausreise aus der Sowjetunion bewogen, nicht gänzlich geklärt. (Aufschlussreiche Forschungsergebnisse zu diesem Gründen werden Thomas Flierl und Tatiana Efrussi demnächst vorlegen.) Sein letztlich begrenzter Einfluss unter der sich ändernden politischen Ausrichtung der Sowjet Union in Bezug auf moderne Architektur spielten sicher eine Rolle, aber auch finanzielle und private Probleme. Dass er das sowjetische Projekt aber ungebrochen weiter unterstützte, zeigt eine kleine Auswahl von Magazinen und Büchern aus seiner Bibliothek, darunter das opulente Moscow under reconstruction (1938), herausgegeben von Alexander Rodchenko und Varvara Stepanova.

Die Künstlerin Wendelien van Oldenborgh widmet sich in ihrer performativen Arbeit Sketch one: Lotte and Hermina der Bauhausschülerin Lotte Stam-Beese und ihrer Liebesbeziehung zu Hannes Meyer. Anhand von Briefen und Fotografien – nachgesprochen und auf Leinwand projiziert – wird der mitfühlende, aber auch der dominante und chauvinistische Meyer genauso lebendig wie eine selbstbewusste und politisch aktive Frau, die sich in den politischen und gesellschaftlichen Umständen der späten 1920er- und 1930er-Jahre zurechtzufinden sucht.

Die Verzweigungen der Gruppe Hannes Meyer nach der Zeit in der Sowjet Union beleuchtet Doreen Mende mit der Arbeit Hamhung’s Two Orphans (2018). Sie begibt sich auf Spurensuche der Bauhausschüler, die mit Meyer in die Sowjetunion gegangen waren, insbesondere Konrad Püschel. Die später unter dem Namen „Rote Bauhaus Brigade“ agierende Gruppe war in den 1950er-Jahren im Auftrag der jungen DDR in Nordkorea aktiv und maßgeblich für den Wiederaufbau der durch den Koreakrieg zerstörten Städte Hamhung und Hungnam verantwortlich. Die Bauten, die bis heute existieren und die beiden nordkoreanischen Stadtzentren prägen, stehen zeichenhaft dafür, dass die binäre Weltordnung des Kalten Kriegs als eine Erzählung von mannigfaltigen Akteuren in wechselvollen, komplexen Beziehungen gelesen werden muss. Während die Wiederaufbauleistungen von Architekt*innen und Planer*innen der DDR beispielsweise in Vietnam inzwischen gut erforscht ist (siehe dafür den Essay von Christina Schwenkel über die nordvietnamesische Stadt Vinh in ARCH+ 226) sind diese frühen DDR-Verbindungen zu Nordkorea eine echte Entdeckung. Mendes sich in Bild- und Textfeldern überlagernde Arbeit leistet hier architekturhistorische Grundlagenforschung und ermöglicht in poetischen Fotodokumenten aus dem Archiv von Konrad Püschel Einblicke in eine kaum bekannte Periode der nordkoreanischen Geschichte.

Gezeigt wird die Ausstellung im Garage Museum of Contemporary Art: Der kühne milchgläserne Riegel von OMA / Rem Koolhaas (2011-2015) baut im Kern auf einem in den 1960er-Jahren mit vorgefertigten Betonmodulen errichteten Pavillon auf. Die historische Vielschichtigkeit des Ausstellungsortes, die der Entwurf von Koolhaas anhand eines großen Wandmosaiks und anderer Versatzstücke aus der kommunistischen Ära  offenlegt, liefert eine passende Metapher für die Spurensuche nach den komplexen Verzweigungen Bauhaus.

 

bauhaus imaginista
Moving Away – The Internationalist Architect
12. Sept.–30. Nov. 2018
Garage Museum of Contemporary Art
Krimsky Val, 9 строение 32
Moskau

In Kooperation mit dem Goethe Institut Moskau

bauhaus-imaginista.org

 

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