Gordon Matta-Clark: Anarchitect. Anu Vahtra: Completion through Removal

Geschrieben am 05.06.2019
Kategorie(n): ARCH+ news, Rezension, Ausstellung

Rezension von Leo Herrmann
. Eesti Kunstimuuseum Kumu, Art Museum Tallinn, Estland
. 22. Februar – 8. Juni 2019
. Kuratorisches Team: Sergio Bessa, Jessamyn Fiore, Anu Allas

Anu Vahtra. Completion through removal. 2019. Räumliche Intervention im Kumu Art Museum. Foto von Anu Vahtra Anu Vahtra. Completion through removal. 2019. Räumliche Intervention im Kumu Art Museum. Foto von Anu Vahtra

Eine Gruppe Fußgänger*innen mit Taschenlampen zieht durch den abendlichen Bezirk SoHo in Lower Manhattan. Angeführt von der estnischen Künstlerin Anu Vahtra beleuchten sie gemeinsam leerstehende Geschäfte, deren Mieten sich nicht einmal mehr große Einzelhandelsketten leisten wollen. Über 100 solcher Räume hat Vahtra in SoHo gezählt. Während des Rundgangs zeigt sie mit einem tragbaren Filmprojektor Aufnahmen aus den 1970er-Jahren, als der Bezirk ein Zentrum künstlerischer Aktivität war. Gelegentlich weist Vahtra die Gruppe auf Orte hin, die in jener Zeit eine besondere Rolle spielten – 127 Prince Street beispielsweise, wo Gordon Matta-Clark mit befreundeten Künstler*innen das Restaurant FOOD betrieb. Heute verkauft dort eine kanadische Firma hochpreisige Sportbekleidung. Gegen Ende ihrer Performance Open House Closing. A Walk spielt Vahtra den Gentrification Song des kalifornischen Rappers Gift of Gab ab.

Open House Closing entstand 2017 für die PERFORMA Biennale. Anu Vahtra nutzt den Blick auf die Kunstszene jener Zeit als Hintergrund, vor dem die tiefgreifende räumliche Umstrukturierung Manhattans sichtbar wird. Viele amerikanische Städte hatten bereits in den 1950er-Jahren den Umzug der weißen Mittelschicht von den Innenstädten in neu errichtete Vororte erlebt. Deindustrialisierung und das einsetzende Austeritätsregime, das in New York City besonders früh und konsequent installiert wurde, verstärkten in den folgenden Jahrzehnten die Auswirkungen dieser sogenannten White Flight. Leerstand und Vandalismus, Armut und Kriminalität waren die sichtbaren Folgen. In der Bronx und Lower Manhattan, den besonders betroffenen Stadtvierteln New Yorks, fanden Künstler*innen Raum für ihre Arbeit, die das Erproben einer alternativen Lebenspraxis miteinschloss. Sie begannen, die städtischen Leerstellen mit neuen Formen des Zusammenlebens und Arbeitens zu füllen. Die Ursprünge dessen, was Nicolas Bourriad zwanzig Jahre später als Relational Art bezeichnete – das Kunstwerk nicht als Objekt, sondern als Teil und Katalysator sozialer Beziehungen – liegen auch in Matta-Clarks Arbeiten und den Möglichkeitsräumen dieses Ortes.

Die räumlichen Interventionen an leerstehenden Gebäuden, die zu Matta-Clarks bekanntesten Arbeiten zählen, folgen allerdings einer anderen Ästhetik. Es ist keine Frage des Pragmatismus, wenn Matta-Clark Objekte auswählt, die für kapitalistische Verwertungsmechanismen uninteressant geworden sind. Seine Schnitte setzt er bewusst dort, wo bereits Risse im stadträumlichen Gewebe entstanden sind. Er findet eine künstlerische Form für Verhältnisse, die zunächst immateriell sind und erst spät schrittweise an der Oberfläche der Stadt ablesbar werden. An einem funktionierenden Gebäude würden Matta-Clarks Interventionen ins Leere laufen – es gäbe nichts, worauf sich die Schnitte beziehen könnten. Der Referenzrahmen der Stadt ist für seine Arbeiten entscheidend. Matta-Clark macht sichtbar, wie abstrakte systemische Zusammenhänge die konkrete Wirklichkeit umzuwälzen vermögen.

Die Risse, die im New York der 1970er-Jahre aufbrachen, schlossen sich in den folgenden Jahrzehnten. Nicht die lebenspraktischen Versuche der Neo-Avantgarde sondern die neoliberale Umstrukturierung der räumlichen Reproduktion spielte dabei die entscheidende Rolle. Die Taschenlampen in Anu Vahtras Performance sind womöglich die zeitgenössische Interpretation der Bauwerkzeuge, mit denen Matta-Clark seine Arbeiten ausführte. Man könnte zugespitzt sagen: SoHo hat seine verfallenden Gebäude durch Assets ersetzt – durch fiktive Spekulationsobjekte, denen mit physischen Mitteln nicht beizukommen ist. Matta-Clark machte die Verkümmerung des Bodens zur Ware bereits 1973 zum Ausgangspunkt seiner Arbeit Reality Properties: Fake Estates. Er ersteigerte auf öffentlichen Auktionen unbebaubare Restgrundstücke und stellte die Kaufurkunden zusammen mit eigenen Fotografien und Vermessungen der Orte aus. Die Abstraktion wird so mit der physischen Wirklichkeit konfrontiert. Heute würde Matta-Clarks handfester Aktivismus in Manhattan schnell an Grenzen stoßen. Die meterhohen Fallgitter und Bauzäune, über die Vahtra die Lichtpunkte der Taschenlampen huschen lässt, zeigen das deutlich. Open House Closing weist in diesem Sinne nicht nur auf die gegenwärtigen Verhältnisse in Manhattan hin, sondern zeigt zugleich die prekäre Situation der Aktivist*innen, die nur noch mit ephemeren Mitteln auf Missstände deuten können – in der Hoffnung darauf, dass bald wieder schwereres Gerät zum Einsatz kommen wird.

Das Staatliche Estnische Kunstmuseum Kumu in Tallinn widmet dem Dialog zwischen Gordon Matta-Clark und Anu Vahtra derzeit eine umfangreiche Ausstellung. Neben den historischen Abstand zwischen beiden Künstler*innen – Vahtra wurde 1982, vier Jahre nach dem frühen Tod Matta-Clarks geboren – tritt dabei auch ein geografischer. Warum sollten Matta-Clarks Arbeiten, die aus einem der Zentren der westlichen Welt stammen, gerade in der ehemaligen Sowjetrepublik Estland gezeigt werden? Für Anu Allas, Kuratorin am Kumu, spricht aus dieser Frage ein allzu einfaches kulturelles Transmissionsmodell. In der aufschlussreichen Publikation Short Time Eternity, die anlässlich der Ausstellung entstanden ist, weist sie auf die Ähnlichkeit in den Lebenswelten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hin. Texte von Hanno Soans und Carl-Dag Lige führen diese Überlegungen weiter und leisten einen Beitrag zu einem Moderne-Verständnis, das nicht allein auf den Westen abhebt.

Anu Vahtra ist in einer Zeit aufgewachsen, in der die ehemaligen Sowjetrepubliken gewaltige Umwälzungen erlebten. Manches davon mag an die Umstände erinnern, unter denen Matta-Clark in New York arbeitete. In beiden Fällen bildet die Ausweitung marktwirtschaftlicher Organisationsprinzipien auf praktisch alle Lebensbereiche den Ausgangspunkt der Entwicklung. Womöglich bezieht sich Vahtra auch deshalb seit über zehn Jahren immer wieder explizit auf Matta-Clark. Die Doppel-Ausstellung in Tallinn bietet ihr die Möglichkeit, in einen direkten Dialog mit seinen Arbeiten zu treten. Neben der Filmdokumentation ihrer New Yorker Performance zeigt Vahtra eine Intervention, die den Ausstellungsraum selbst zum Gegenstand macht. Sie zerschneidet die temporären Wände einer vorangegangenen Ausstellung und legt damit die Struktur unter der Oberfläche des White Cube offen. Auf der Rückseite der wiederverwendeten Gipskartonplatten werden Kritzeleien sichtbar, die auf frappierende Weise Matta-Clarks Graffiti-Fotografien zu wiederholen scheinen. Vahtras Schnitte geben von einem bestimmten Punkt aus betrachtet den Blick auf die Stützen frei, die sonst in den Ausstellungswänden verborgen sind. Eine großformatige Fotografie dieser Situation unterstreicht die abstrakte geometrische Qualität, die Vahtra durch ihre Intervention dem Raum verleiht.

Matta-Clarks architektonische Interventionen existieren heute fast nur noch in Form von Texten, Skizzen, Drucken, Fotografien und Filmen. Ausgewählte dieser Dokumente sind in Tallinn zu sehen. Wenn Anu Vahtra Matta-Clarks räumliche Technik des Schnitts anwendet, reproduziert sie etwas von der starken physischen Präsenz seiner Cut-Outs. Zugleich werden aber auch die ästhetischen Unterschiede der Künstler*innen deutlich. Matta-Clark bewegte sich ständig an den Grenzen zwischen Architektur, Kunst, Fotografie, Film und Aktivismus und betrieb deren Auflösung. Auch Vahtra arbeitet in unterschiedlichen Medien, ohne damit allerdings Matta-Clarks formsprengendem Anti-Institutionalismus zu folgen. Für ihre streng geometrischen Interventionen nutzt sie Räume von Galerien und Museen, die sie auf größere Kontexte bezieht. In Vahtras Arbeiten spiegeln sich gesellschaftliche Brüche wider anstatt wie bei Matta-Clark selbst zum Medium zu werden. Deutlich wird das in ihrer Installation Work in progress: Somewhere between the supports and the collapse im Vorhof des Kumu, eines zeitgenössischen Neubaus, Mitte der 1990er-Jahre entworfen und 2006 fertiggestellt, der auch die umfangreichste Sammlung estnischer Kunst seit dem 18. Jahrhundert beherbergt: Auf subtile Weise weist sie auf die städtische Situation des Museums hin an der Grenze zwischen dem wohlhabenden Stadtteil Kadriorg mit seinen Parkanlagen und jahrhunderteralter Baugeschichte und dem Plattenbauviertel Lasnamäe, der größte und bevölkerungsreichste Stadtteil Tallinns, das hauptsächlich von der großen russischen Minderheit bewohnt wird, die heute in Estland ökonomisch und gesellschaftlich benachteiligt ist. Sowohl Matta-Clarks als auch Vahtras Arbeiten beziehen ihre Komplexität aus der räumlichen, gesellschaftlichen, historischen, ökonomischen und ästhetischen Dimension der Städte.

Vahtras Arbeit im Vorhof des Kumu bildet das Gegenüber zu ihrer New Yorker Performance Open House Closing. Die Risse in Manhattans räumlichem Gefüge verweisen auf tiefe gesellschaftliche Konflikte im disfunktionalen Neoliberalismus, die zunehmend auch in Estland zu Tage treten. Die entschlossen westliche Positionierung des Landes und sein Aufstieg zum Vorbild in Sachen Digitalisierung und Liberalität wurden zuletzt in Frage gestellt. Estland droht durch die Regierungsbeteiligung von Rechtspopulisten und Rechtsextremen zum jüngsten Fall in einer ganzen Reihe von EU-Mitgliedsstaaten zu werden, die einen antiliberalen Rollback vollziehen. Künstler*innen und Kultureinrichtungen werden sich entschieden für die Verteidigung der offenen Gesellschaft einsetzen müssen. Vahtras Schritt aus den Ausstellungsräumen hinaus auf den Vorhof des Kumu ist ein leiser, aber kämpferischer Aufruf dazu. Die erzwungenen Abgänge mehrerer profilierter Journalist*innen zeigen, wie entschieden die reaktionären Kräfte zu Werke gehen. Estland mit seinen 1,3 Millionen Einwohner*innen hat noch immer eine große Dichte liberaler Intellektueller. Die Chancen dieser Intelligenzija stehen gut, die gesellschaftliche Hegemonie zu bewahren. Es wird aber nötig sein, Bündnisse zu schließen und Solidarität zu üben – auch hierfür könnten Matta-Clark und SoHos Kunstszene der 1970er-Jahre vorbildhaft sein.

Katalog:

Short Time Eternity
Herausgeber: Anu Allas, Anu Vahtra, Indrek Sirkel
Lugemik & Art Museum of Estonia, 2019
ISBN 978-9949-7234-6-1
248 Seiten, 15 Euro

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