Imperial Standards: die Industrialisierung architektonischer Fakten

Geschrieben am 12.06.2019
Kategorie(n): ARCH+ news, 233, 233-Online, Normung, Symposium, Deutsches Architekturmuseum

Text von Erik Carver

2017 richtete das Fachgebiet Architekturtheorie und Entwerfen der Universität Kassel im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt a. M. das Symposium Norm-Architektur – Von Durand zu BIM aus, auf dessen Basis 2018 die gleichnamige ARCH+ 233 erschien. Eine Auswahl von zusätzlichen Konferenzbeiträgen veröffentlichen wir nun erstmals online.

Robert Briggs, „grafische Darstellung von Schraubgewindeformen“. Aus: Robert Briggs: „A Uniform System of Screw Threads“, in: Journal of the Franklin Institute 47, Februar 1865, Tafel III Robert Briggs, „grafische Darstellung von Schraubgewindeformen“. Aus: Robert Briggs: „A Uniform System of Screw Threads“, in: Journal of the Franklin Institute 47, Februar 1865, Tafel III

Standardisierung – ob de facto oder de jure – beginnt mit der Übersetzung lokalen Wissens. Architekten des 19. Jahrhunderts arbeiteten mithilfe eines Kommunikationssystems, das im Dienst des neoimperialen Handels dieses Wissen zentralisierte und die Baumethoden vereinheitlichte.

Das Aufkommen moderner Vertragsdokumente führte zu einer Quantifizierung und Veränderung des Bauprozesses, da zunehmend Details und technische Daten den Bau vorab bestimmten. Die wesentliche Voraussetzung dafür bildeten die Notizbücher der Architekten und Ingenieure. Sie waren zugleich Handbücher und Abhandlungen sowie Kataloge und unterstützen mobile Fachkräfte mit Ratschlägen, Formeln und Daten wirkungsvoll bei der Umsetzung der Theorie in die Praxis. Später bildeten sie die Grundlage für grafische Standards und, mit ihren Raum- und Materialangaben, für frühe architektonische Computeranwendungen.

Aber obwohl dieser Vorgang die Praxis vereinheitlichte, förderte er die architektonische Vielfalt und inspirierte Spitzenarchitekten, sich für die Rückbesinnung auf das Lokale an persönlichen Bildern und Eindrücken zu orientieren. [1]

 

Vom Faktum zum Gesetz

Der Werkzeugmacher William Sellers beginnt seinen Vorschlag von 1864 zur Standardisierung von amerikanischen Schrauben mit einem Hinweis auf die einhellige Unzufriedenheit mit dem Durcheinander durch inkompatible Schraubsysteme. Seinen neuen Standard stellt er als vorteilhaft sowohl für das englische System als auch für die aktuelle Werkstattpraxis dar.[2] Um von seiner Sache zu überzeugen, verwenden er und seine Partner im Franklin Institute in Philadelphia eine Reihe von Zeichnungen und Tabellen. Einer Zeichnung stehen dabei drei Schraubenentwürfe gegenüber, um zu zeigen, dass Sellers neue Gewinde leichter herzustellen sind und verlässlicher zusammenpassen als die bisherigen Modelle.[3] Während Joseph Whitworth für sein englisches System der Schraubengrößen einfach den Durchschnitt verschiedener maschineller Produkte zugrunde legte, entwickelt Sellers eine mathematische Formel, die die Intervalle in Whitworths System sowohl einander annähert als auch ausgleicht. Dann benutzt er eine Tabelle, um die Unterschiede zwischen den beiden Standards zu verdeutlichen und seinen als beständiger herauszustellen. Eine zweite Tabelle zeigt alle wichtigen Aspekte seines Schraubenentwurfs sowie die Schraubengrößen. Abschließend präsentiert Sellers einige kleinere Tabellen zu existierenden lokalen Schraubengrößen mit begleitenden Aussagen ihrer Hersteller, die zeigen, dass das neue System zu den existierenden Anwendungen passt.

Nachdem er den neuen Standard im Journal of the Franklin Institute, der führenden amerikanischen Technikzeitschrift, veröffentlicht hatte, setzte er sich bei verschiedenen Organisationen für dessen Übernahme ein. Bis zum Ende der 1860er-Jahre hatten die US-amerikanische Marine sowie verschiedene Eisenbahnen Sellers’ System eingeführt, das sich auf diese Weise bis ins frühe 20. Jahrhundert verbreitete. Zu diesem Zeitpunkt hatte die US-Regierung bereits ein Bureau of Standards eingerichtet, um die Produktion auf nationaler Ebene zu koordinieren.[4]

Historische Abhandlungen über die technische Standardisierung beginnen gewöhnlich damit, zwischen Gewohnheit und Gesetz – zwischen De-facto- und De-jure-Standards – zu unterscheiden. Im Anschluss wird dann meist aufgezeigt, dass Standards den menschlichen Horizont auf eine Weise prägen, die nicht ausreichend gewürdigt wird.[5] Eine solche Unterscheidung zwischen Faktum und Gesetz kann aber irreführend sein. Selbst in Verträgen kommt es nie zu einer symmetrischen Übereinkunft – mächtige Akteure und industrielle Vorreiter setzen sich in der Regel durch, wenn Systeme standardisiert werden. Wird die Standardisierung als bewusster Akt beschrieben, steht in der Darstellung immer das formelle Verhandeln von Normen im Mittelpunkt. Geschichten wie die Sellers' zeigen jedoch, dass gesetzliche Standardisierungen damit beginnen, dass vorhandene Standards und lokale Gepflogenheiten erhoben und in ein umfassendes Inventar übernommen werden. Akteure mit weit reichenden Verbindungen wie Sellers dokumentieren Praktiken und organisieren Systeme als Vorstufe zur Kodifizierung.

Lange vor der Einführung dieser offiziellen Standards bauten die Architekten des 19. Jahrhunderts ein Kommunikationssystem auf, um Informationen zu koordinieren und Baumethoden zu konsolidieren. So wie sich Standards aus ihrer Veröffentlichung ergeben, entstanden sie  parallel zur Industriewirtschaft – über transnationale Kanäle, die die Fertigungszentren mit kolonialen und neokolonialen Produktionsorten verbanden. Die Standards führten zu neuen Formen von Rationalität in der Architektur, die ihrerseits eine moderne Arbeitsteilung und subjektive Haltungen in der Bauwelt entstehen ließen.

Diese Standards agieren als „Wissensinfrastrukturen.“[6] Anders als abstrakte Konzepte wie „Rationalisierung“ sind Infrastrukturen dauerhaft und erweiterbar. Da sie bestehende Bezugssysteme und technische Methoden ersetzen, übertragen Standards Fakten von einer Region in eine andere. Sie formen eine allgemeine, außergesetzliche Sprache der Normen oder Fakten, die in statistischen Reichweiten zusammengefasst werden.[7] Die Ingenieure, die verantwortlich sind für den Entwurf dieser Standards, tun dies nicht ausschließlich bewusst, sondern unter dem Einfluss von Gewohnheit, Ideologie und Kultur. Die spezifischen Informationskreisläufe, in denen sie agieren, ermöglichen ihre Arbeit und schränken sie zugleich ein.

 

Reorganisation von Arbeit

Arbeit war einer der ersten Bereiche, die mithilfe moderner Wissensinfrastrukturen organisiert wurden. Zwischen den 1780ern und den 1830ern begannen öffentliche und private Bauunternehmer, genaue Spezifikationen für die Qualitätskontrolle zu verwenden, als sie die Risiken von Bauprojekten auf unabhängige Auftragnehmer verlagerten.[8] Diese Leistungsbeschreibungen waren Anweisungen an die Arbeiter, die aus der Vertragssprache erwuchsen und dann zu Standards verallgemeinert wurden.[9] Indem sie Anordnungen als Leistungsbeschreibungen kodifizierten und Quantitäten als Standards, konkretisierten die Behörden und Grundstückseigentümer die Beziehung zwischen Management und Arbeit und schufen so sowohl den modernen Bauunternehmer als auch den professionellen Architekten.[10]

Diese Standards sind nicht a priori kapitalistisch. Mitglieder der Radikalen im britischen Parlament und Anhänger von Robert Owen, zum Beispiel, verstanden sie als Instrumente der Transparenz und Demokratie in Verträgen. Sellers und eine Reihe anderer amerikanischer Normentwickler hatten ihre Wurzeln im Franklin Institute, das ursprünglich nach dem Vorbild des British Mechanics’ Institute entstanden war. Dessen Mission war es, die Stellung der Arbeiter durch technische Bildung zu verbessern.[11] Obwohl das Franklin Institute seinen pragmatisch-technischen Schwerpunkt behielt und Architekten zu Führungspersonal ausbildete, erweiterte es bald sein Programm von Abendkursen hin zu Forschung und Veröffentlichungen und eiferte so wissenschaftlichen Gesellschaften nach. Wissenschaftlichen Journalen ähnlich hatte die eigene Zeitschrift ursprünglich den Zweck, Texte aus unterschiedlichsten Quellen zusammenzustellen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sie sich jedoch allmählich zu einem zentralen Ort originärer Forschung, als Gesellschaften und Akademien es nicht mehr schafften, Information intern zu organisieren.[12]

 

Wissen mobilisieren

Das Notizbuch des Architekten und Ingenieurs bildete das A und O dieser neuen Wissensinfrastruktur. Aus der Notwendigkeit heraus, Forschung und technische Standards einer wachsenden Gruppe mobiler Fachkräfte zu vermitteln, perfektionierte die Industriewirtschaft dieses Format als Medium für Daten zum Mitnehmen. Während Leistungsbeschreibungen per Gesetz in den Bereich der Architektur eindrangen, kamen diese Art Handbücher aus der Wirtschaft. Üblicherweise im tragbaren Duodezformat gedruckt, entwickelte sich das Handbuch aus dem Vademecum, auch als Rechentabelle oder Kalkulator bekannt. Seit der Frühzeit des Druckens hatten solche Leitfäden den Handel über die Grenzen von Währungs- und Maßeinheiten hinweg erleichtert. Verlage begannen allmählich, spezielle Bücher zum Beispiel für die Händler spezifischer Güter wie Getreide oder Holz herauszugeben.[13]

Im frühen 19. Jahrhundert hatten Verleger solcher Handbücher und Mitglieder des Mechanics’ Institute bereits begonnen, spezielle Rechentabellen für Handwerker und Ingenieure zu entwickeln.[14] Typischerweise beinhalteten diese neben dem Leitfaden und den Kalkulationstabellen Auszüge aus Zeitschriften, technische Abhandlungen und Rundschreiben von Herstellern in einer anwendungsfreundlichen Form. In den 1870er-Jahren waren diese Handbücher für Ingenieure und Handwerker in der Bauindustrie  üblich geworden. Privat veröffentlicht, versammelten sie das praktische Wissen von erfahrenen Fachleuten großer Unternehmen wie der Armee, der Eisenbahn oder aus Fabriken. Sie verbanden so die Ressourcen von staatlichen, staatlich geförderten und privaten Akteuren. In vielen Fällen bildeten diese nicht verbindlichen Standards die Grundlage für spätere öffentliche und private Regelwerke. Die Autoren dieser Normensammlungen eigneten sich im Kampf um eine marktbeherrschende Position manchmal Informationen aus allgemein zugänglichen Quellen, aber auch von der Konkurrenz an. Häufig leiteten sie ihre Bücher damit ein, dass sie die überragende Auswahl der ausschließlich wirklich notwendigen Fakten priesen, die für den geschäftigen Architekten oder Handwerker optimal zusammengestellt seien. Sie enthielten seitenweise Rechentabellen, und die frühen Rezensenten und ihre Leser schienen krankhaft darauf fixiert zu sein, Fehler in den Tabellen zu finden.[15] Diese Tabellen wechselten sich mit Themen ab, die den Architekten vertrauter waren, wie der Entwurf von Bögen. Die Tonlage wechselte zwischen sachlich und belehrend; so erfahren wir beispielsweise, welche die typischen Papiergrößen sind, aber auch welche Papiersorte man verwenden sollte.

Zu den bekannten Autoren solcher Werke, die in Amerika gelesen wurden, gehörten der Schiffsingenieur Charles H. Haswell, der britische Eisenbahningenieur Guilford Molesworth, der Bauingenieur John C. Trautwine (Sellers' Kollege im Franklin Institute) und der erste amerikanische „beratende Architekt“ Frank E. Kidder, der für die Architekten Ware and Van Brunt gearbeitet hatte.[16] Während Haswell frühe Dampfschiffe entworfen hatte, die in den amerikanischen Gewässern patrouillierten, hatten Molesworths Eisenbahnen das ceylonesische Hinterland für Kaffeeplantagen erschlossen. Trautwines Text zeigte sowohl die gemeinsamen Wurzeln des modernen Wissens in Architektur und Bautechnik als auch die Ausweitung von Sellers’ Verfahren zu einem neoimperialen Maßsystem. Trautwine begann mit der Planung von Eisenbahnen für den Architekten William Strickland im Nordosten von Amerika, bevor er Berater für verschiedene Unternehmen im Süden des Landes wurde. In einem Leitartikel von 1839 pries er die Vorteile, die Eisenbahnen für Baumwollpflanzer und die Eigenständigkeit des Südens hätten, weil sie für Unabhängigkeit von der Industrie im Norden sorgen würden.[17] Mit jedem neuen Projekt, erweiterten sich jedoch nicht nur Trautwines Technikrepertoire, sondern auch seine eher schändlichen Verstrickungen. Wenn man genau in die Handbücher schaut, ergibt sich eine Landkarte der Welt – nicht ein universelles Raster, sondern eine Karte der Ausbeutung, welche die Kreisläufe der Schiffe, Handelslinien, Umschlagplätze und Eisenbahnen zeigt, entlang derer sich technische „Verbesserungen“ verbreiteten und sich der Fluss von Waren und freien und versklavten Arbeitern beschleunigte.

In 1872 widmete Trautwine eine Seite seines Handbuches fremden Münzen und untermauerte somit seine Überzeugung, die Kenntnis der weltweiten Währungen sei für Ingenieure notwendig,  „weil […] viele der Münzen in Kostenaufstellungen für technische Arbeiten im Ausland vorkommen“.[18] Die kaufmännische Kalkulation bildete immer noch den Kern des praktischen Wissens im Ratgeber. Trautwine hatte diese Lektion durch seine Beteiligung an einer Reihe von Infrastrukturprojekten für kolumbianische Tabakpflanzer und US-amerikanische Kaufleute gelernt. Diese Projekte lehrten ihn zudem Methoden für das Bauen in heißen, feuchten Umgebungen mit einem heterogenen Bestand an Arbeitskraft und Materialien wie Mauerwerk und Stahl statt Holz. Spuren dieser Erfahrungen sind im ganzen Handbuch erkennbar, zum Beispiel in der Tabelle, welche die für die Bewegung von unterschiedlichen Sorten von Erdreich und Felsen notwendige Arbeitszeit auflistet.[19]

John C. Trautwine, Arbeiten nahe der Quelle des Río Pato, Kolumbien. Aus: John C. Trautwine: Rough Notes of an Exploration for an Inter-Oceanic Canal Route by Way of the Rivers Atrato and San Juan, in New Granada, South America, Philadelphia 1854, S. 51 John C. Trautwine, Arbeiten nahe der Quelle des Río Pato, Kolumbien. Aus: John C. Trautwine: Rough Notes of an Exploration for an Inter-Oceanic Canal Route by Way of the Rivers Atrato and San Juan, in New Granada, South America, Philadelphia 1854, S. 51

Die kolumbianischen Liberalen, Trautwines Auftraggeber, hatten seit dem 18. Jahrhundert begonnen, die königlichen resguardos oder Reservate für die indigene Bevölkerung durch conciertos, Zwangsarbeitsvereinbarungen, zu ersetzen. Für diese kreolischen Liberalen bedeutete Dekolonisierung, den Schutz von Souverän und Kirche durch einen universalen Vertrag und die Neuaufteilung des Landes zu ersetzen, um die indigenen Gemeinschaften als Bürger mit individuellen Besitzrechten in den Schoß der Nation zu überführen.[20] Am Ende wurde die indigene Bevölkerung jedoch zu Wanderarbeitern, die billige Zigarren rollten – für den Export mit neuen Verschiffungsanlagen, die von US-amerikanischen Beratern entworfen wurden.

1849, ein halbes Jahrhundert vor dem Panamakanal, begann Trautwines Team mit dem Bau einer Eisenbahn durch Panama. Finanziert vom amerikanischen Militär- und Transportkonzernen, versammelten die Auftragnehmer eine Mannschaft aus irischen, afrikanischen, chinesischen und „malaiischen“ Arbeitern, die unter den widrigsten Bedingungen schufteten.[21] Drei Jahre später brach Trautwine zu einer Expedition auf, um mögliche Kanalrouten durch Kolumbien zu erkunden. Danach veröffentlichte er eine bemerkenswerte Denkschrift – die Ingenieurversion der berühmten Schrift Alexander von Humboldts –, eine lange Reihe von Kalkulationen quer durch die kolumbianische Landschaft, die nicht nur die Kosten für den Aushub eines Kanals abschätzten, sondern auch die voraussichtliche Arbeitsproduktivität, die Ressourcen und die Möglichkeiten für nachgelagerte unternehmerische Projekte.[22]

 

Autorenschaft fördern

Trautwines Civil Engineer’s Pocket-book, bald einfach als Trautwine bekannt, umfasste Erfahrungen eines ganzen Lebens und wurde zum Hauptreferenzwerk der Architekten und Baumeister des Goldenen Zeitalters. Es erleichterte das Aufkommen großer Bauunternehmen, die es Architekten wie H. H. Richardson und McKim, Mead and White ermöglichten, ihre persönlichen Visionen in unterschiedlichen Regionen des Landes zu verwirklichen. Der Bauunternehmer O. W. Norcross beschrieb den Trautwine als seinen bevorzugten Lesestoff auf seinem täglichen Arbeitsweg, weil er ihm „alle Information der Welt“ gebe.[23] Die großen Bauunternehmer halfen den Architekten dabei, den ästhetischen Charakter und die zeitlosen Qualitäten zu erreichen, die in den Monumenten der Vergangenheit zu finden waren, zum Teil indem sie sich die komplizierten Methoden der Mauerwerkskonstruktion aneigneten und neue, vertikal integrierte Sägewerke und Steinbrüche eröffneten.

Norcross Brothers, Katalog des Longmeadow Steinbruchs, Archives of the Worcester Historical Museum, Worcester, Massachusetts Norcross Brothers, Katalog des Longmeadow Steinbruchs, Archives of the Worcester Historical Museum, Worcester, Massachusetts

Dieses Bild der Beziehung steht im Gegensatz zu Walter Benjamins oder Sigfried Giedions überdauernder Vorstellung von Ingenieuren, die die Technologie unter den Augen von rückschrittlichen Architekten revolutionierten. So wie die Bauunternehmer sich in historischer Ästhetik schulten, so standen die Architekten an der Spitze der Technologie, und technisches Wissen zirkulierte in einem medialen Raum, zugänglich für Autoren und Leser vielfältiger Berufe. Es gab folglich zahlreiche Spannungslinien zwischen ästhetischer und technischer Praxis, die zu einer Aufsplitterung von Berufen, Unternehmen und Praktikern selbst führte. Zeitschriften dieser Zeit bezeugen die Allgegenwart des Trautwine beispielsweise auf den Bücherregalen der Architekten.[24] RIBA und AIA, zu deren Gründern auch Ingenieure gehörten, organisierten sich nach dem Vorbild von Ingenieursverbänden. Trautwine und Kidder waren beide in klassischer Architektur ausgebildet, und die Architekten, mit denen sie arbeiteten – von Strickland bis McKim, Mead and White – entwarfen alle auch Infrastrukturprojekte.

Für die aufkommende amerikanische Architektur-Aristokratie drohten die Architekturhandbücher und industriell produzierten Bauelemente jedoch die urbane Landschaft durcheinanderzubringen, indem sie einen offenen Zugang zu etwas gewährten, was bis dahin eine Domäne der Elite gewesen war. Durch Partnerschaften mit großen Baufirmen, die diese Handbücher verinnerlicht hatten, entwickelten ausgebildete Architekten eine neue Form persönlicher Poesie, um ihren anspruchsvollen Bauherren einen Ausweg aus der Mittelmäßigkeit zu bieten. Ein vielsagendes Beispiel dafür ist der Fall Hunt gegen Parmly von 1860, bei dem Richard Morris Hunt seinen Bauherren verklagte, weil dieser den Entwurf eines Stadthauses nicht bezahlen wollte. Der Bauunternehmer des Beklagten sagte aus, dass Hunt keine Urheberschaft zukäme, weil „jeder in eine Bücherei gehen und sich ein Buch über Architektur nehmen könne“.[25] Wie sollte Hunt den Unterschied verdeutlichen und seine Urheberschaft  behaupten? Erst Hunderte von Originalzeichnungen überzeugten den Richter schließlich, ihn als Urheber anzuerkennen.[26] Die individuelle Handschrift wurde zur Quelle der Autorität, als Architekten wie Hunt sich für neue Geschmacksnormen einsetzten. Um diese Normen zu realisieren, mussten Architekten die Baupraxis als Zusammenarbeit zwischen einem Urheber im romantischen Sinne und einem universalen Bauunternehmer neu erfinden; dazu musste die korporative Struktur des Architekturbüros ebenso verschleiert werden wie der Umstand, dass es sich auf nüchterne Handbücher verließ.

So wie Trautwine die Reichweite des Handbuchs an sich vergrößerte, so erweiterten andere Autoren seine kulturellen Ziele. Im Jahr 1885 kam das architektonische Handbuch. Kidders Architect’s and Builder’s Pocket-Book enthielt weniger ingenieurwissenschaftliches Material, dafür einige architekturspezifischen Tabellen, die von Baumaterialien bis zu einer schematischen Reihe von Vorbildern reichte, etwa den Dimensionen wichtiger Gebäude oder der Höhe berühmter Obelisken. Hierfür bezog es sich auf Quellen wie die Engineering News der Cumberland Nail and Iron Company sowie Joseph Gwilts Encyclopædia of Architecture (1842) und verband so technische, herstellungsbezogene und ästhetische Hinweise in einer Art und Weise, die später von den Graphic-Standards-Büchern des 20. Jahrhunderts verfeinert und visuell aufbereitet wurde.

Entgegen der gegenwärtigen Klagen über den Verlust der Handlungsfähigkeit durch die Verbreitung von Standards erinnert uns die Geschichte der Architekturhandbücher daran, dass Standards tatsächlich das Fundament für die Subjektivität zeitgenössischer Designer*innen bilden. Außerdem sind Standards selbst kulturelle Produkte. Die heutigen digitalen Designtools beruhen auf Spezifikationen, Formeln und Größenangaben, die zuerst im Goldenen Zeitalter zusammengestellt und verbreitet wurden. Sie bilden ein Palimpsest, das kaufmännische Kalkulation, utopische Ideale und koloniale Herkunft festhält. Zwischen zeitlosen Gewohnheiten und zeitgenössischem Recht liegt ein instabiles Reich der Fakten, das sowohl von Grausamkeit als auch Aufklärung gekennzeichnet ist. Zeitgenössische Architekturdebatten sollten sowohl das Konzept des individuellen Architekten entromantisieren als auch jene Friedhöfe der Geschichte, die wir Standards nennen, ausheben und kritisch thematisieren.

 

 

[1] Ich danke Aaron White, Elliott Sturtevant und Eva Johanna Schreiner für ihre scharfsinnigen Kommentare, die diesen Text bereichert haben.

[2] William Sellers: „A System of Screw Threads and Nuts”, in: Journal of the Franklin Institute 47 (Mai 1864), S. 344–51

[3] Robert Briggs: „A Uniform System of Screw Threads”, in: Journal of the Franklin Institute 47 (Februar 1865), Tafel III

[4] Bruce Sinclair: „At the Turn of a Screw: William Sellers, the Franklin Institute, and a Standard American Thread”, in: Technology and Culture 10 (1969), S. 20–34. Sellers war von 1864 bis 1867 Präsident des Instituts. Die bundesweite Koordinierung der Schrauben begann während des Ersten Weltkriegs.

[5] Zum Beispiel Andrew L. Russell: Open Standards and the Digital Age: History, Ideology, and Networks, Cambrige MA 2014

[6] Paul N. Edwards: A Vast Machine: Computer Models, Climate Data, and the Politics of Global Warming, Cambridge MA 2010

[7] François Ewald: „Norms, Discipline, and the Law“, in: Representations, Nr. 30 (1990), S. 138–61

[8] James Nisbet: Fair and Reasonable: Building Contracts from 1550: A Synopsis, London 1993; siehe auch Tilo Amhoff und Katie Lloyd-Thomas: „Writing Work: Changing Practices of Architectural Specification“, in: Peggy Deamer (Hg.): The Architect as Worker, New York 2015

[9] Amy E. Slaton, Janet Abbate: „The Hidden Lives of Standards: Technical Prescriptions and the Transformation of Work in America“, in: Michael Thad Allen u. a. (Hg.): Technologies of Power: Essays in Honor of Thomas Parke Hughes and Agatha Chipley Hughes, Cambridge MA 2001, S. 95–143

[10] Siehe James Nisbet: A Proper Price: Quantity Surveying in London, 1650 to 1940, London 1997

[11] Siehe Bruce Sinclair: Philadelphia’s Philosopher Mechanics; a History of the Franklin Institute, 1824–1865, Baltimore 1974

[12] Alex Csiszar: „Seriality and the Search for Order: Scientific Print and Its Problems during the Late Nineteenth Century“, in: History of Science 48, Nr. 3–4 (1. September 2010), S. 399–434

[13] Siehe Heinz Glade, Karl Manteuffel: Am Anfang stand der Abacus: aus der Kulturgeschichte der Rechengeräte, Leipzig 1973. Duodezbände haben eine Größe von etwa 13 mal 19 Zentimetern.

[14] Henry Adcock: Improved Pocket-Book for Engineers, Architects, Manufacturers, Millwrights and Builders, for the Year 1826, London 1828; William Grier: The Mechanic’s Calculator, Glasgow/Edinburgh/London 1832

[15] Überblick über The Engineer’s Pocket book, von Henry Adcock, in: Mechanics’ Magazine, Nr. 284 (17. Januar 1829)

[16] Siehe Charles H. Haswell: Engineers’ and Mechanics’ Pocketbook, New York 1844; Guilford L. Molesworth: Pocket-Book of Useful Formulae & Memoranda for Civil and Mechanical Engineers, London 1862; Frank E. Kidder und Thomas Nolan: The Architect’s and Builder’s Pocket-Book, New York 1884

[17] John C. Trautwine: Some Remarks on the Internal Improvement System of the South, Philadelphia 1839

[18] John C. Trautwine: The Civil Engineer’s Pocket-Book, of Mensuration, Trigonometry, Surveying, Hydraulics … Etc., Philadelphia 1872, S. 81

[19] Ebd.

[20] Siehe William Paul McGreevey: An Economic History of Colombia 1845–1930, Cambridge UK 1971

[21] Siehe Joseph L. Schott: Rails across Panama; the Story of the Building of the Panama Railroad, 1849–1855, Indianapolis 1967

[22] John C. Trautwine: Rough Notes of an Exploration for an Inter-Oceanic Canal Route by Way of the Rivers Atrato and San Juan, in New Granada, South America, Philadelphia 1854

[23] J. A. Schweinfurth: „Great Builders I Have Known“, in: The American Architect CXXXX, Nr. 2601 (November 1931), S. 92; auch zit. in James F. O’Gorman: „O. W. Norcross, Richardson’s ‘Master Builder’: A Preliminary Report“, in: Journal of the Society of Architectural Historians 32, Nr. 2 (1. Mai 1973), S. 104–13

[24] Überblick über The Architect’s and Engineer’s Pocket-Book, von Frank E. Kidder, in: American Architect and Building News (4. April 1885)

[25] „Important Trial. Compensation of Architects. Hunt versus Parmly“, in: The Architects’ and Mechanics’ Journal 3 (9.–30. März 1861), S. 222–24, 231–35, 242–45, 252–55; 4 (6. April1861), S. 243

[26] Ebd., S. 9

 

 

Lektorat: Nicole Minten-Jung

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