The Property Issue – Politics of Space and Data / Editorial

Geschrieben am 30.05.2020
Kategorie(n): ARCH+ news, Bodenfrage, Englische Edition, Editorial, Online

NEUERSCHEINUNG: Englischsprachige Edition mit Schlüsseltexten aus ARCH+ 231 The Property Issue – Von der Bodenfrage und neuen Gemeingütern und ARCH+ 236 Posthumane Architektur

ARCH+ The Property Issue – Politics of Space and Data Cover: Digital erstelltes synthetisches Portrait eines nicht real existierenden Menschen © Generated Media Inc.

The Property Issue Politics of Space and Data

Deutsche Fassung des Editorials von Arno Brandlhuber, Olaf Grawert, Anh-Linh Ngo

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Die berühmte 11. Feuerbach-These von Karl Marx suggeriert, es gäbe einen klaren Unterschied zwischen folgenloser Theorieproduktion und revolutionärer Tatkraft. Den vermeintlichen Gegensatz von Reflexion und Aktion, Theorie und Praxis betonte Friedrich Engels in der von ihm edierten Fassung zusätzlich durch das nachträglich eingefügte „aber“. Mit einem interpretierenden Eingriff verstärkte er also den Vorzug der Tat. Doch geht es Marx tatsächlich um einen Gegensatz zwischen dem Philosophieren über die Welt und dem Verändern derselben? Oder müssen wir nicht vielmehr die Philosophen beim Wort nehmen, um dorthin zu gelangen, wohin sie den Weg weisen? Wenn unser Vorstellungshorizont also die Emanzipation aller Menschen ist, kommen wir nicht umhin, die Verhältnisse, so schwierig sie gegenwärtig auch sein mögen, auf das ihnen innewohnende Potential einer Befreiung hin zu untersuchen, sie „zum Tanzen zwingen“, wie Marx an anderer Stelle schreibt. Darum soll es in dieser Publikation gehen – bezogen auf einen Grundwiderspruch unserer heutigen Gesellschaft: zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung der Ergebnisse dieser Produktion. Konkret geht es um die Frage des Eigentums an Boden und an Daten, und um die Auswirkungen dieser Eigentumsverhältnisse auf die Raumproduktion.

Wem gehört der Boden? Diese Frage ist für alle Gesellschaften und ihr Zusammenleben von entscheidender Bedeutung. Denn die Verfügbarkeit von Grund und Boden steuert die Raumproduktion und die gesellschaftliche Ordnung. Die Tatsache, dass Grund und Boden so lebensnotwendig sind wie Luft und Wasser, verbietet es, ihre Nutzung dem unübersehbaren Spiel der freien Kräfte und dem Belieben des Einzelnen auszusetzen.

Wem gehören die Daten? Für die Stadtplanung spielt das Eigentum an Daten heute eine ebenso wichtige Rolle wie die Bodenfrage. Wir diskutieren daher in diesem Heft die Politik des Raums und die Politik der Daten, das reale und das virtuelle Kapital der Stadt der Zukunft. Dabei lassen wir uns von zwei Hauptfragen leiten: Wie gehen wir mit Raum und Daten als planerischen Ressourcen um? Und welche Rolle haben Architekt*innen und Stadtplaner*innen in der digitalen Gesellschaft?

Die Verflechtung von Grundbesitz und Geldwirtschaft ist keineswegs eine Erfindung der jüngeren Zeit. Vielmehr gehört sie, wie der Philosoph Wolfgang Scheppe am Beispiel Venedigs in diesem Heft darlegt, seit jeher zur feudalen Realität der Stadt: „Weil die beschränkte Fläche der Überbauung eines Stadtgebiets mit einer ungeheuren und vordem unbekannten Zusammenballung von Konsumenten die Monopolstellung der geringen Zahl von Adelsfamilien, denen es gelungen war, grundherrliche Verhältnisse in die urbs zu pflanzen, eine ebenso unbekannte Wertsteigerung ihres Grundbesitzes bescherte, sieht Sombart in der Grundrente, ‚die Mutter der Stadt‘. […] In den urbanen Großgrundbesitzern, die die Stadt unter sich aufteilten, identifiziert er die genuinen Städtebildner.“

Das Beispiel Venedigs zeigt jedoch auch, dass trotz der historischen Kontinuität eine radikale Veränderung eingetreten ist. Während die Grundbesitzer früher zur Erzielung der Grundrente auf die Bevölkerung angewiesen waren, gilt heute in den touristisch attraktiven Zentren der umgekehrte Fall: Die Ortsansässigen sind für die Verwerter des Grundes ein Hindernis. Das unproduktive, weil raumgreifende Wohnen kann mit dem Ertrag, den die Festivale, Biennalen und der Tourismus ermöglichen, nicht mithalten. Die Folge: Im Zuge der Vermarktung von Stadt muss der wohnende Stadtbenutzer verschwinden, weil er im globalen Wettbewerb um die Ressource Raum underperformt.

Was tun? Wenig, weil es keine andere Alternative gibt als den Boden zu politisieren. Viel, weil bisher noch jeder daran gescheitert ist. Doch es führt kein Weg an einer umfassenden Reform vorbei, wenn wir die Stadt als Gemeingut für alle definieren. Das beginnt damit, dass wir unsere Vorstellungsorientierung verändern, indem wir Grund und Boden mithilfe einer Philosophie des Bodens denaturalisieren, sprich das Verständnis dafür stärken, dass Land stets ein kulturelles und soziales und somit ein politisches Produkt ist (siehe hierzu den Beitrag von Milica Topalović). Und wir müssen mit stichhaltigen Argumenten gegen das Dogma der Privatisierung vorgehen! Hier bietet die naturrechtliche Begründung des Grundeigentums durch John Locke aus dem 17. Jahrhundert einen Angriffspunkt. Indem Locke den Besitzanspruch mit der investierten Arbeitsleistung verknüpfte, verknüpfte er die ökonomische mit der politischen Theorie. Hier lässt sich ansetzen, um eine politische Ökonomie der Stadt zu entwickeln und aufzuzeigen, dass der Ist-Zustand alles andere als natürlich ist. Die Beiträge in diesem Heft legen die vorherrschenden Konfliktlinien, aber auch mögliche Potentiale einer Neudefinition des Eigentums offen, um als Fernziel die Stadt als Gemeingut vorstellbar zu machen.

Denn trotz Finanzialisierung, Digitalisierung und Virtualisierung wird die Verfügung über die knappe Ressource Raum immer wichtiger. Längst geben sich Technologieunternehmen wie Google, Microsoft, Airbnb oder Uber nicht mehr mit der Kommerzialisierung aller sozialen Handlungen zufrieden, sondern investieren ihre Börsengewinne in Immobilien und Land. Ihrer jeweiligen Unternehmenslogik folgend haben sie zudem damit begonnen, selbst Städte der Zukunft zu planen. So plante das Alphabet-Google-Start-Up Sidewalk Labs das Projekt Waterfront Toronto, bei dem die Bewohner*innen als Datenquellen erschlossen werden sollten. Mittels künstlicher Intelligenz soll in Zukunft die Verteilung von Raum reguliert werden.

Gerade in der Architektur hat diese Entwicklung weitreichende Folgen. Mit dem Smart-City-Diskurs, algorithmischen Planungsmethoden und massiven Investitionen in Infrastrukturen dringt die Tech-Industrie weit in das Feld der Architekt*innen und Planer*innen vor. Ihre technokratischen Visionen machen aus Bürger­*innen User*innen, so Christian von Borries in dieser Publikation: „Architektur wird zum Instrument der Statistik und gibt Aufschluss über das Nutzerverhalten. Die Rolle der Architekt*in gibt es in diesem Szenario nicht mehr, beziehungsweise sie beschränkt sich auf die Gestaltung einzelner Punkte im Stadtraum, die vom Algorithmus vorbestimmt sind.“ Sind Architekt*innen in der Postplanung, wie Deane Simpson diese Entwicklung nennt, also obsolet geworden?

Diese Ausgabe führt deutlich die Radikalisierung des ökonomischen Denkens vor Augen, mit der Stadt als exklusiver Raum gedacht und produziert wird. Städte werden zum zentralen Geschäftsfeld der Tech-Industrie, deren Zielgruppe die urbane Elite ist. Grundlage dieser Entwicklung bilden (Nutzer-)Daten, die milliardenfach von mobilen Anwendungen, Liefer- oder Mobilitätsdienstleistungen und zunehmend auch von Smart Cities gesammelt werden. Das Vordringen der großen Tech-Unternehmen in den physischen Raum stellt uns vor neue Herausforderungen. Denn Big Data ermöglichen nicht zuletzt neue Planungs- und Entwurfswerkzeuge. Die Algorithmen, Gleichungen und Schlüsse hinter diesen Werkzeugen und Anwendungen sind jedoch keine unhinterfragbaren Wahrheiten. Sie sind weder neutral noch objektiv. Hinter ihnen stehen Menschen – Datenanalysten, Programmierer und Geschäftsleute –, deren Entscheidungen und Interessen unsere Vorstellungswelt und unser alltägliches Zusammenleben prägen.

Was bedeutet es für die Stadtgesellschaft, wenn private Unternehmen zunehmend die Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen? Was geschieht, wenn Städte dadurch immer stärker einer unternehmerischen Logik und den damit einhergehenden technokratischen Idealen der Datafizierung folgen? „Die Quantifizierung von Menschen und Lebensräumen verwandelt sie in biometrische Einheiten und Streetscores“, warnt die Anthropologin Shannon Mattern in ihrem Beitrag. In dieser Vision, so Mattern weiter, sind Stadt, Gesellschaft und Menschen nichts weiter als „algorithmische Assemblagen“. Die Implikationen betreffen also nicht nur das gesellschaftliche Miteinander, sondern auch unser Selbstverständnis als Menschen. Die digital erzeugten, synthetischen Porträts nicht realer Menschen der Firma „Generated Photos“ auf dem Cover führen uns diese Erkenntnis drastisch vor Augen. Sie sind das Ergebnis maschinellen Lernens in kompetitiven neuronalen Netzen (Generative Adversarial Networks). Diese „random unreal people“ sind in gewisser Weise unsere Avatare in einer Ära des Postpolitischen und der Postplanung. Die Geschichte handelt also von uns. De te fabula narratur!

Wie können Architekt*innen auf das unaufhaltsame Fortschreiten der Smart City und der Datafizierung reagieren? Nicht nur im Gestus des Widerstands, wie Hannes Grassegger eindrücklich am Beispiel der urbanen Kämpfe in Hongkong berichtet, sondern indem sie die Phänomene in all ihren Widersprüchen zum Gegenstand von Entwurf und Planung für eine emanzipierte Stadtgesellschaft machen? Schließlich ist niemand in einer besseren Position als Architekten und Planer – wenn wir die Marxsche These von der Selbsterzeugung des in Gesellschaft produzierenden Menschen ernst nehmen –, um durch Veränderung der (gebauten) Umwelt den Menschen selbst zu verändern. Es bleibt uns auch keine andere Wahl. Wir können nicht darauf bauen, dass das System schon an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen wird. Vielmehr entwickelt sich alles durch das Austragen von Konflikten und den Kampf der Gegensätze weiter. Das nennt sich Dialektik.  

The Property Issue Politics of Space and Data entstand in Zusammenarbeit mit den Gastredakteuren Arno Brandlhuber und Olaf Grawert (station+, DARCH, ETH Zürich) und knüpft inhaltlich an die Filme Legislating Architecture – The Property Drama (D 2017) und Architecting after Politics (D 2018) von Brandlhuber+ und Christopher Roth an. Sie fasst die beiden auf Deutsch erschienenen Ausgaben ARCH+ 231 The Property Issue und ARCH+ 236 Posthumane Architektur zusammen und ergänzt diese um aktuelle Beiträge.

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