Veronika Kellndorfer: Screens and Sieves

Geschrieben am 18.06.2020
Kategorie(n): ARCH+ news, Ausstellung, Moderne, Mies van der Rohe, Bauhaus, Rezension

Einzelausstellung in der Themenreihe Raum-Zeit-Odyssee
Mies van der Rohe Haus
Oberseestraße 60, 13053 Berlin
Di–So 11–17 h, Eintritt frei
7.6.–20.12.2020

Im Rahmen dieser Ausstellung diskutieren am Dienstag den 11. August die Künstlerin Veronika Kellndorfer und die Kuratorin Nina Wiedemeyer im Garten des Mies van der Rohe Hauses über Visionen und deren Darstellung, moderieren wird Anh-Linh Ngo. Mehr Informationen hier: ARCH+ Salon Screens and Sieves

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In ihrer aktuellen Ausstellung „Screens and Sieves“ konfrontiert die Berliner Künstlerin Veronika Kellndorfer zwei Bauten Mies van der Rohes miteinander: Das Haus Lemke am Obersee, in dem die Ausstellung stattfindet, und die Neue Nationalgalerie am Kulturforum in Form großformatiger Glassiebdrucke. Diese Konfrontation macht einmal mehr deutlich, wie stark die moderne Architektur als Medium und als mediale Konstruktion gedacht ist. Darauf hat die Architekturhistorikerin Beatriz Colomina unter Bezugnahme auf das Mies’sche Werk immer wieder hingewiesen: „Moderne Architektur handelt vom massenmedialen Bild. Genau das macht sie modern, und nicht die übliche Geschichte von Funktionalismus, neuen Materialien und neuen Techniken.“ (ARCH+ 204, Oktober 2011, S. 28) 

Bevor Mies seine radikalen Bauten realisieren konnte, „baute“ er seine Konzepte mittels großformatiger Fotocollagen. Sein berühmtestes Werk, der ursprünglich temporäre Barcelona-Pavillon, entfaltete seine Wirkung bis zu seiner Rekonstruktion lange Zeit nur durch zeitgenössische Fotografien und Publikationen. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Rezeption von Architektur, so Colomina weiter: „Wenn moderne Architektur also im Raum der Fotografien und Publikationen, der weitgehend zweidimensional ist, entsteht, verinnerlicht sie zu einem gewissen Grad die Flachheit dieses Raumes. Die dreidimensionale Welt wird zur fotografischen Oberfläche.“ 

Was diese Aufnahmen jedoch nicht vermitteln können, ist die ungeheuerlich fremde Wirkung, die diese neue Architektur auf die Zeitgenoss*innen ausübte. Für die damaligen Beobachter*innen war der Effekt der Spiegelungen in den Glaswänden des Barcelona-Pavillons ein neuer, unheimlicher Eindruck. Auf diesen „geheimnisvollen“ Effekt hat Colominas Lehrer Josep Quetglas in seinem Buch „Der gläserne Schrecken“ hingewiesen. Es ist Kellndorfers Verdienst, mit ihren Arbeiten genau diesen Zusammenhang anschaulich zu machen. Weit davon entfernt, eine bloße zweidimensionale Abbildung der Architektur zu sein, schafft sie es gewissermaßen in einer Art „reverse engineering“-Verfahren, den „Kult der Transparenz“ in Mies van der Rohes Werk zu dekonstruieren. 

Es geht in den Bildern der Künstlerin stets auch um das Evozieren des Unerklärlichen, Geisterhaften, Geheimnisvollen des Raums und nicht nur um die vermeintliche Rationalität, Transparenz und Logik der Moderne. Das Erscheinungshafte im Sinne einer Vision wird einerseits in den vielschichtigen Spiegelungen in der Fassade der Neuen Nationalgalerie deutlich, die die Position des Betrachtenden vollkommen verwischt. Innen und Außen fallen in eins. Andererseits wird dieser Effekt gerade durch die Intransparenz des Konstruktiven verstärkt. So scheinen auf einem der Innenaufnahmen die massiven Pfeiler ihre konstruktive Logik zu leugnen: Ohne Anfang und Ende wachsen sie aus der spiegelnden Bodenfläche empor, um im unbestimmbaren Schatten der Kassettendecke zu verschwinden. Die klassizistische Diskussion um Tektonik, um den Ausdruck von Lasten und Tragen wird in dieser Aufnahme ad absurdum geführt. Mies als Antiklassizist. Schon allein dafür müsste man Veronika Kellndorfer dankbar sein. 

Anh-Linh Ngo

Aus der Pressemitteilung:

In der Ausstellung Screens and Sievegeht es um eine Reise durch Raum und Zeit. Die Künstlerin Veronika Kellndorfer bringt das europäische und amerikanische Werk Ludwig Mies van der Rohes in einen Dialog, indem sie großformatige Ansichten der Neuen Nationalgalerie (1962–68) mit der Architektur des Landhaus Lemke (1932/33) verknüpft. Auf Einladung von Joachim Jäger fotografierte Veronika Kellndorfer die leere Halle der Neuen Nationalgalerie kurz nach ihrer Schließung im Jahr 2015.

Es entstanden Aufnahmen, die bereits jetzt historische Dimension haben, denn sie zeigen die Neue Nationalgalerie in einer Art archäologischen Zwischenzustand, der so nie wieder zu sehen sein wird. Einige dieser Arbeiten werden nun zum ersten Mal in Berlin ausgestellt, als Ouvertüre und Referenz zur Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie, die für Dezember 2020 geplant ist.

Kellndorfer skaliert die Fotografien als raumbezogene Formate in die Dimension von Architektur. Ihre Fotografien sind als Siebdruck auf Glas gefertigt. Im Ausstellungskontext machen bedruckte Gläser und für den Prozess der Fertigung verwendete Siebe – textiles Gewebe, gespannt auf riesige Alu-Rahmen – das vielschichtige Verfahren sichtbar und eröffnen Ambivalenzen von Spiegelung, Transparenz und Durchdringung.

Der Nationalgalerie-Zyklus entstand 2017 als Beitrag zur Architekturbiennale in Chicago und war 2018 in einer von Berry Bergdoll kuratierten Schau im Elmhurst Art Museum zu sehen.

Innerhalb der Themenreihe Raum-Zeit-Odyssee reagiert die Ausstellung von Veronika Kellndorfer in einer klaren visuellen Sprache auf die kontemplative Atmosphäre des Ortes, die Raum und Zeit praktisch ineinanderfließen lässt. Gegenwart und Vergangenheit, Traum und Wirklichkeit verdichten sich in den lichtdurchfluteten Räumen des Mies van der Rohe Hauses zu einer neuen Erzählung und zeigen gleichzeitig einen Ausschnitt aus der Odyssee des Architekten.

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Veronika Kellndorfer ist 2020 mit Werken auf der Curitiba Biennale im Museu Oscar Niemeyer, im Getty Center LA und der Original Bauhaus Ausstellung in der Berlinischen Galerie vertreten. Sie realisierte Einzelausstellungen in bedeutenden internationalen Museen und Galerien: u.a. in Los Angeles 2003 in der USC Verle Annis Gallery, im Hammer Museum 2008, sowie in der Galerie Christopher Grimes in 2007, 2012 und 2016. French Window und Tropical Modernism, zeigt sie 2012 und 2014 in der Pinakothek der Moderne, München. 2015 bespielt sie die Casa de Vidro im Instituto Lina Bo Bardi, São Paulo und 2017 den Sverre Fehn Pavillon im Nationalmuseum für Kunst und Architektur, Oslo. Hinzu kommen zahlreiche Auftragsarbeiten für den öffentlichen Raum, beispielsweise im Bundesfamilienministerium, dem ARD Hauptstadtstudio und dem Bundesarbeitsgericht Erfurt. Kellndorfer wurde 1962 in München geboren und studierte Malerei und Kunstgeschichte: 1982 an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, 1983-90 an der Hochschule der Künste in Berlin; sie lebt und arbeitet in Berlin. U.a. war sie Stipendiatin der Villa Aurora in LA, der Villa Massimo in Rom und der Villa Kamogawa in Kyoto sowie Fellow am IKKM der Bauhaus Universität Weimar.

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Alle Informationen unter:
miesvanderrohehaus.de/2020-2021-raum-zeit-odyssee

Ausstellung Screens and Sieves im Mies van der Rohe Haus Berlin. Foto: Ulrich Schwarz Veronika Kellndorfer: Innenaufnahme der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe am Kulturforum, bevor die Umbauarbeiten begannen. Foto: V. Kellndorfer/VG Bildkunst Bonn 2020/James Prinz
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