ARCH+ 100/101

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Erschienen in ARCH+ 100/101,
Seite(n) 22-23

ARCH+ 100/101

Editorial: Für eine Architektur des Gebrauchs

Von Kuhnert, Nikolaus /  Oswalt, Philipp

Erwiesen schien damit noch einmal, daß die Moderne weder brauchbar noch auf Akzeptanz gestoßen war — so argumentierten jedenfalls ihre Kritiker, die sich ab den 60er Jahren von der Kritik an der Moderne zur Gegenbewegung gemausert hatten. Seit jenen Tagen herrscht Konsens darüber, daß das Nachdenken über den Gebrauch und die Rolle des Gebrauchenden nicht nur nicht zu unlösbaren Paradoxien führe, sondern daß die Frage grundsätzlich falsch gestellt sei. Die Frage richtig gestellt, postulierte man, muß es heißen, daß es nur ein Nachdenken über Architektur geben kann. Aber die Abkehr von der Moderne erschöpft sich nicht auf den architektonischen Diskurs. Auch das gesellschaftliche Projekt der Moderne scheint veraltet zu sein. Alle Versuche nach Alternativen zum Kapitalismus (Genossenschaften), nach Überwindung des bürgerlichen Modells von Kultur und Gesellschaft, nach einer Gegen-Kultur erwecken heute nur noch ein müdes Lächeln. Das Scheitern der Moderne scheint irreversibel zu sein.

Gegen diese scheinbar gesicherten Tatbestände wenden wir uns mit diesem Heft. Wir wollen die Frage nach dem Gebrauch erneut und auf neue Weise stellen. Wir wenden uns deshalb gegen die Wende in der Architekturdebatte, im Gebrauch nur das Nicht-Faßbare, das Bloß-Veränderbare zu sehen und die Frage der Gebrauchsorientierung als Architekturkategorie zu stigmatisieren. Die Architektur begänne erst jenseits des Gebrauchs, heißt es, im Reich der autonomen Ideen, in die zwar Gebrauchsfragen mithineinspielen, die sie aber nicht konstituieren. Die Architektur legitimiert sich nach diesem Verständnis durch idealtypische Setzungen, wie zum Beispiel durch die Urhütte à la Laugier. Gegen diese Vorstellung einer Autonomie der Architektur wenden wir uns.

Aber auch die Gebrauchsvorstellungen der Moderne müssen einer grundsätzlichen Revision unterzogen werden. An ihnen kritisieren wir den verschwiegenen Idealismus. Er brach zum ersten Mal offen auf in der Krise der heroischen Moderne Ende der 20er Jahre.

Diese Krise ist der unmittelbare Ausdruck der Weltwirtschaftskrise. Wir greifen zwei ihrer Folgen heraus: die Austerity-Politik der Reichsregierung Brühning zur Sanierung des Staatshaushaltes und das Abdriften der depravierten Massen nach rechts. Beide Entwicklungen stellen das Selbstverständnis der Moderne in Frage. Zum einen führen sie zur Einstellung der kommunalen Wohnungsbauprogramme, sie laufen ab 1928 aus; zum anderen stößt der kommunale Wohnungsbau auf immer geringere Akzeptanz und läßt damit auftragische Weise die geringeren Chancen nach Verwirklichung der Moderne bewußt werden: Gehäuse in Disposition, Bauform und Ausgestaltung für ein utopisches Gesellschaftsmodell zu entwerfen, das in radikalem Gegensatz zu den autoritären Gesellschaftsbildern der enttäuschten Massen steht. Das neue Bauen stößt auf Ablehnung, da es weder den tradierten Lebensgewohnheiten noch den konservativen Sehnsüchten großer Teile der Bevölkerung entspricht.

Nur Le Corbusier wird sich, wenn auch verspätet mit dem Obusplan für Algier dieser Problematik stellen und versuchen, die Akzeptanzlücke der Moderne durch Entwicklung einer Monumentalordnung mit zeitgenössischen Mitteln zu schließen.

Der Mainstream der Moderne blieb dagegen im wesentlichen unempfindlich für den sich anbahnenden kulturellen Wandel. Ausschließlich sozialpolitisch orientiert, suchte er durch Verkleinerung der Wohnung, durch Reduzierung der Baukosten auf die restriktiven Bedingungen einzugehen und entwickelt damit ein neues Wohnmodell, das die funktionalistische Identität von Raum und festgelegter Funktion überwindet. Die „Wohnung für das Existenzminimum" jsollte ein Maximum an Gebrauchsmöglichkeiten bei einem Minimum an Grundfläche bieten. Hierzu werden die zeitlich nacheinander stattfindenden Aktivitäten in einem großen Raum überlagert. Mit klapp-, dreh-, und faltbaren Möbeln, mit Schiebe- und Faltwänden wird der Raum verwandelbar und dadurch für unterschiedliche Nutzungen brauchbar.

Gerade weil die Architekten bei den Entwürfen für den Frankfurter Kongreß, für die sich anschließenden Studien zum Tag-Nacht-Zyklus die funktionalistische Dogmatik ernstnahmen und den Gebrauch mit wissenschaftlicher Akribie untersuchten, erkannten sie, daß sich die Anforderungen an eine Wohnung nicht nur im Lauf eines Tages ändern, sondern auch im Verlauf eines Lebens, und daß die Wohnung an diese Veränderungen anpaßbar sein muß.

Die Vorstellungen vom Wohnen als Prozeß und von der Anpaßbarkeit der Wohnung waren geboren. Beide Ideen sollten Geschichte machen, aber beider Beitrag zur Erneuerung der Moderne ist bis heute kaum beachtet worden.

Die Chance zur Erneuerung war da. Sie lag darin, die mit der Standardwohnung getroffene Festlegung eines optimalen Gebrauchs zu durchbrechen und die Grundrißdisposition für unterschiedliche Gebrauchsmöglichkeiten zu öffnen und damit einen Schritt zur Korrektur der idealistischen Ursprünge der Moderne nach universeller Geltung des neuzeitlichen Menschenbildes, der industriellen Produktion und der modernen Lebensverhältnisse einzuleiten. In der Regel hat sich aber der aufklärerische Zwang zum Universalismus durchgesetzt, während das holländische Beispiel von Van Tijen bis Hertzberger die Ausnahme blieb. Er durchzieht die Moderne wie ein Kainsmal, gleichgültig, wie die Moderne ihm erlag: durch Fetischisierung der Technik (Metastadt), der Lebensverhältnisse (Standardwohnung) oder des Menschenbildes überhaupt. Selbst die doch so produktiven Anregungen von Mies van der Rohe verfangen sich in diesem Dilemma. Mit dem Entwurf für die Weißenhofsiedlung demonstriert er bravourös die Vielfalt an Gebrauchsmöglichkeiten, die die radikal zu Ende gedachte Unterscheidung von Konstruktion und Grundrißdisposition, von Skelett und freiem Grundriß bietet. Mit dem Famworth Haus ist diese Offenheit schon wieder zu Ende. Wieder erzwingt der Anspruch der Architektur, der seine Bewegkräfte aus der Monumentalisierung einer genialen Konstruktionsidee zieht, die Festlegung der Gebrauchsmöglichkeiten auf ein vermeintlich beliebiges, praktisch aber unbrauchbares Repertoire an Nutzungen.

Wie sähe nun eine nicht idealistisch verkürzte Gebrauchsorientierung aus, wie müßte eine Architektur beschaffen sein, die sich nicht durch ihren verschwiegenen Idealismus immer wieder selbst um den Preis ihrer Möglichkeiten brächte? Daß die Moderne nach dem 2. Weltkrieg auch anders wiederaufgenommen und weiterentwickelt hätte werden können, zeigt das in diesem Heft vorgestellte Haus der kalifornischen Designer Ray und Charles Eames. Das Haus Eames ist das Beispiel für die Überwindung eines falschen Idealismus. Es bietet eine Vielzahl von Gebrauchsmöglichkeiten. Es verneint nicht die industrielle Produktion. Sie wird verwendet zur Reduzierung der Baukosten. Doch angesichts der Vielzahl an technischen Möglichkeiten geht es den Eames nicht darum, diese selbst zum Thema zu machen. Vielmehr setzen sie sie als Mittel ein für eine Architektur, die sich am Bewohner und an seinen Gebrauchsvorstellungen orientiert.

Das Farnworth Haus ist das Vorbild für die Eames'. Im Unterschied aber zu Mies setzen sie die Akzente neu. Die Konstruktion wird entdramatisiert. Es fehlen die sandwichartige Dachplatte, die dominanten Stahlsäulen. Stattdessen arbeiten die Eames mit einem Gitterwerk aus Stahlrahmen und Paneelen, das das Gehäuse umschließt, ohne zwischen Wand und Dach zu differenzieren und damit auch ohne Bezüge zur klassischen Architekturordnung.

Desweiteren arbeiten die Eames mit der Überlagerung von Ordnungen und mit einem nichtunversalistischen Großraumkonzept. Bildeten bei Mies noch die eingeschränkten Gebrauchsmöglichkeiten den Skandalon, das bis zu Gericht ging, so gehen die Eames soweit, selbst in der Unordnung den „Dekor des Gebrauchs" zu sehen.

Die Gebrauchsorientierung gewinnt damit eine neue, bis dahin nicht gekannte Bedeutung. Fragen des Gebrauchs gehen normalerweise in die Planungsvorgaben in Form von detailierten Funktionsfestlegungen ein. Ganz anders die Eames. Es geht ihnen nicht um platonische Gebrauchsvorstellungen, sondern um die Wahrnehmung der Vielfalt an Gebrauchsmöglichkeiten durch den Bewohner. Wobei der Akzent auf beidem liegt: auf der Vielfalt an Gebrauchsmöglichkeiten und auf dem Bewohner.

Betrachten wir zuerst die Frage der Gebrauchsmöglichkeiten. Die Grundrißdisposition muß eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Differenzierung des Großraums bieten. Sie darf sich weder aus falschem Kunstanspruch selbst genügen noch Feinordnungen ausschließen. Sie muß bewohnerorientiert sein: D.h. sie muß offen für unterschiedliche Nutzungen sein. Es geht heute darum, wieder erneut über die Gebrauchsfähigkeit von Dispositionen nachzudenken. Die Disposition eines Gebäudes ist gegenüber dem Gebrauch nie gleichgültig. Die Schwierigkeit einer neuen Gebrauchsorientierung liegt darin, die Vielfalt der Gebrauchsmöglichkeiten zu vergrößern, um damit den individuell sehr unterschiedlichen Lebensweisen der Bewohner freien Raum zu geben.

Die Frage des Bewohners ist komplizierter zu beschreiben, schon aus grundsätzlichen Erwägungen: Es läßt sich schwer über die Bedürfnisse anderer spekulieren. Sagen läßt sich aber Einiges zu ihrer Rolle und Funktion. Sie bilden den Gegenpol zum Gehäuse, und zwar nicht als inszenierte Kunstfiguren, die den sterilen Raum beleben. Sie werden so genommen, wie sie sind. Aus! basta!

Aufgrund dieser Überlegungen konzentrieren sich die Eames auf die Entwicklung mehrfach benutzbarer Grundrißdispositionen. In ihnen äußert sich ihr rigoroses Bekenntnis zur Demokratiebewegung, ihr Enthusiasmus für den Menschen und ihre grundsätzlich unerschütterliche Lebensfreude. Ein Architekturkonzept kommt damit ins Blickfeld, das die sich scheinbar gegenseitig ausschließenden Alternativen von partizipativem Bauen und Architekturästhetik auf eine neue und produktive Weise aufeinander bezieht. Es sieht die Architektur als Aufforderung zum Gespräch.

Dieses Architekturkonzept bildet den Hintergrund dieses Heftes. Das Heft selbst gliedert sich in drei Teile, die unterschiedliche Formen vielfältig benutzbarer Dispositionen vorstellen:

• Das Konzept mehrfach benutzbarer, gleichwertiger Räume, ein eher traditionelles Konzept einer festgelegten Zellenstruktur, die von den Bewohnern unterschiedlich interpretiert werden kann.

• Das Konzept verwandelbarer Räume, deren räumliche Aufteilung nicht festgelegt ist, sondern entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen der Bewohner verändert werden kann.

• Das Konzept differenzierbarer Großräume, deren primäre Form eines offenen Großraums durch die Überlagerung mit einer sekundären Ordnung des Gebrauchs differenziert und an die jeweiligen Bedürfnisse der Bewohner angepaßt werden kann.

Dieses Heft ist die dritte Ausgabe von ARCH+, die wir in Berlin gemacht haben und die deshalb ohne die direkte Mitarbeit von Bruno Schindler entstanden ist. Trotzdem ist sie in vielerlei Hinsicht ohne ihn nicht denkbar. Wesentliche Ideen des Heftes gehen auf ihn zurück.

 

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