ARCH+ 62

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Erschienen in ARCH+ 62,
Seite(n) 64-65

ARCH+ 62

Distanz – Stationen eines Planerlebens: Der Planerroman, letzter Teil

Von Schrooten, Friedhelm

Vorherige Episode: Distanz, 5. Folge

 

Die Stimmung bei Marions Geburtstagsfeier war großartig. Marion hatte tags zuvor einen großen Steintopf Sangria angesetzt, mit dem Rum nicht gespart und die Früchte kräftig ziehen lassen. Dazu gab es Trauben, Käse der verschiedensten Sorten, Würste, Oliven und Calvados-Schnaps. Selten hatten sich Kolleginnen oder Kollegen größere Mühe gegeben, das Standardangebot der Geburtstagsfeiern, Bier, Crackers und billigen Sekt mit Orangensaft, zu durchbrechen. Es war eindeutig die Wirkung der Sangria, die uns keine Rücksicht auf das Ende der Arbeitszeit nehmen ließ.

Als erste verschwand die Gastgeberin. Frisch verliebt zog es sie zur Verabredung mit dem neuen Freund. Wehleidig registrierte ich ihr Desinteresse an den Kollegen und dem Verlauf ihrer eigenen, so aufwendig vorbereiteten Feier. Der flüchtige Vergleich ihrer besitzergreifenden, alles andere in den Hintergrund drängenden neuen Liebe und unserer gemeinsamen jahrelangen Quälerei zwischen Anmache und Distanzierung verletzte mich.

Kaum hatte Marion die Feiernden sich selbst überlassen, da erschien ein unbekannter Enddreißiger auf der Szene. Der Amtsleiter stellte ihn als den Dezernenten für das neu geschaffene Planungsdezernat vor. Der neue Chef übernahm einen Teil der Kompetenzen des Baudezernenten, der seit seiner Niederlage mit den großen Sanierungsprojekten vor gut zwei Jahren nur noch äußerst unwillig und unter großen psychischen Krämpfen seine Pflichten wahrgenommen hatte. Die Lokalzeitung brachte vor einigen Wochen eine Personenbeschreibung und ein Interview mit dem neuen Dezernenten. Die recht forschen, hemdsärmeligen Sprüche, mit denen er sich einführte, stimmten uns mißtrauisch.

In Natura machte er den Eindruck eines jungen ehrgeizigen Technokraten. Mit seinen knapp 40 Jahren hatte er bereits den Doktor in der Tasche, die Habilitation soeben abgeschlossen und mit einem Artikel in einem Fachblatt, seine Arbeit als Planungsamtsleiter einer schwäbischen Kleinstadt, zu einem Modellversuch in Sachen Stadterneuerung aufgeblasen. Dirk mutmaßte, daß wir es mit einem Großmaul zu tun haben würden. Wir hofften, der Profilierungsstreß des Neuen möge uns ungeschoren lassen. Es war bereits durchgesickert, daß der Stab beim Oberstadtdirektor aufgelöst und in Zukunft Stadtentwicklung nur noch im neuen Dezernat diskutiert wurde. Wir waren nicht traurig über die Auflösung des Stabes, der seit der Bereinigung der überzogenen Verkehrs- und Sanierungspläne nur noch ein Schattendasein führte. Unsere Integration in die Dezernatsund Amtshierarchie war nur konsequent.

Der Arbeitsrhythmus der Abteilung war seit Monaten ungeheuer schleppend. Kurzfristige Anforderungen wurden kaum noch an uns gestellt. Die berühmte „Feuerwehrrolle“ der Stadtentwicklung war ausgespielt.

Wim vergrub sich in seine Diplomarbeit. Dirk entwickelte Initiative zur Gründung eines großen kommunalen Kulturzentrums. Ich legitimierte meine Anwesenheit mit gelegentlichen Stellungnahmen zur Landesplanung. Zwei Redeentwürfe für Bürgermeister und Stadtdirektor und eine Ratsvorlage in zwei Monaten reichten aus, um auf diesem Gebiet unentbehrlich zu erscheinen.

Aus der Reihe fiel die Mitarbeit an einer Stadtwerbungsbroschüre. Unter dem Oberthema Stadtentwicklung sollte Ortsfremden die Stadt vorgestellt und Einheimischen neue Entwicklungstendenzen und Aktivitäten durchschaubar gemacht werden. Die Federführung lag beim Büro des Rates, den offiziellen Stadtwerbern. Text und Konzept stammten weitgehend von mir. Spaß machte die unkonventionelle Seite des Versuchs: Werbetext wurde ein fortlaufender Comix unterlegt. Zum letzten Mal versuchte ich, nach dem Konzept „Schlechtes-in-Gutes-verwandeln" in nicht-betrügerischer Absicht, hinter scheinbaren Schattenseiten und negativen Tendenzen der Stadtentwicklung die Lichtblicke aufzuzeigen: Wenig großstädtische City kann gute Wohnmöglichkeiten in der Innenstadt bedeuten, viel alte Arbeitersiedlungen heißt auch, funktionierende Nachbarschaft und Rückzug der Schwerindustrie, weniger Dreck. Keine Lügen, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Es war der Versuch, Werbung ein bißchen dialektischer aufzuziehen oder anders, eine Variante meines bereits vierjährigen Versuchs, professionell gut und doch kein Hund des Herrn zu sein.

Langsam ging der Versuch zu Ende. Sein Ergebnis zeichnete sich immer deutlicher ab. Mit meinen Gedanken zog ich mich endgültig aus der Arbeit zurück. Ich schloß mit ihr ab. Über Aufgaben, die nicht direkt auf meinem Schreibtisch landeten, dachte ich nicht mehr nach. Zwischen Dirk, Wim, Marion und mir war die Arbeit kein verbindendes Gesprächsthema mehr.

Kaffeekränzchen wuchsen sich zu tagelangem Gelaber aus. Je mehr ich mich zurückzog, umso toter schien mir das Leben im Amt. Rumsitzen, Dösen, Langeweile und Breittreten von Nichtigkeiten machten mir Kopfschmerzen.

 

Marions Geburtstagsfeier war eine große Ausnahme. Als der Sangriarest aus dem Steintopf gekratzt wurde, hatte sich eine Männergruppe zusammengefunden, die ohne Rücksicht auf Heimweg, Familie und Promillebeschränkungen, ganz mit sich beschäftigt war.

Michael und ich träumten unseren alten Traum von einer gemeinsamen Südfrankreichfahrt. Wolf und Gerd maßen ihre Kräfte. Sie saßen sich am Tisch gegenüber und versuchten, mit aufliegenden Oberarmen und verschlungenen Händen den Unterarm des anderen auf die Platte zu zwingen. Wolf verlor. Das Spiel ging reihum. Gerd kämpfte um den Ruf des Stärkeren. Aber die letzten Jahre fast ununterbrochener körperlicher Beschwerden hatten ihm viel seiner einstigen Bergmannskraft genommen.

Es kursierte eine alte Geschichte über ihn. Vor vielleicht zehn Jahren schenkte ihm seine Frau ein Uhrarmband, aus zwei metallisch goldglänzenden Ringen. „Das sieht aber schwul aus", sagten die Kollegen. Und weil sie wußten, wie sehr er sich darüber ärgerte, mit „Unmännlichem" in Verbindung gebracht zu werden, wiederholten sie ihren Spruch bei jeder Gelegenheit. Bis Gerd vor Wut das Band vom Arm riß und in einer Hand derart zusammendrückte, daß keiner der Kollegen es wieder auseinander bekommen konnte.

Michael setzte sich gegen Gerd durch. Zum Glück war Gerd in aufgekratzt guter Stimmung und nicht so leicht durch kleine Niederlagen zu deprimieren.

Ich hatte gegen keinen der Gruppe eine Chance. Auch im Ringkampf gegen Wolf war ich unterlegen. Er war einen Kopf kleiner, aber wesentlich schwerer als ich. Mit beiden Armen umklammerten wir einander und versuchten, mit Schwung den anderen in Körpermitte nach hinten zu knicken. Der Kampf war nicht gleich entschieden. Stöhnend krachten wir gegen den Einbauschrank und fielen zurück auf die Tischplatte. Die leere Calvados-Flasche ging zu Bruch. Fest umklammert stürzten wir zu Boden. Ich trennte mich nicht gern von diesen Kollegen. Sie wurden nie richtig meine Freunde, trotzdem mochte ich sie. Ich war entschlossen, zu kundigen.

 

Es ist völlig unverständlich, warum ich mich dennoch als Kandidat für die Gewerkschaftsliste zur Personalratswahl aufstellen ließ. Unmittelbar aus dem Verlauf der Gewerkschaftsversammlung heraus, ohne mit mir und Marion darüber gesprochen zu haben, schlugen uns einige Amtskollegen zur Kandidatur vor. Wir lehnten dankend ab. Sie ließen aber nicht locker, baten uns, den Spaß mitzumachen, drängten uns und unterstellten Angst und Feigheit, falls wir uns weigern sollten. Das waren nicht gerade die Argumente, uns zu überzeugen. Etwas anderes brachte mich dazu, einzuwilligen: Ich sah Lust in ihren Augen, die Versammlungsleitung zu provozieren. Spontane Kandidatenvorschläge störten das komplizierte System, der nach Interessengruppen vorher ausgehandelten Vorschlagslisten. Eine Chance haben Außenseiterkandidaten in der Regel nicht. Die Kollegen kannten den politischen Hintergrund meiner isolierten Gewerkschaftsposition. Falsche Hoffnungen konnten sie sich nicht machen. Sie hatten Lust zu provozieren, und ich willigte ein. Ich freute mich auf die verdutzten Gesichter meiner ehemaligen Mitstreiter, die meinen Rausschmiß aus der Vertrauensleutearbeit unterstützt hatten und mit dieser Wahl bereits vor der Übernahme der Macht im Personalrat standen.

 

„Leckt uns doch am Arsch mit eurer Wahl!“ brummten die Kollegen am Tisch. Ich überredete Marion, mitzumachen und spielte alles als Gag herunter. Sie willigte ein. Wir ließen uns zur Wahl aufstellen.

Zehn Minuten später kroch uns das kalte Entsetzen den Rücken hoch. Was war, wenn viele Kollegen uns als Protestkandidaten ernst nahmen, den Gag nicht verstanden, uns wählten und Hoffnungen in uns setzten? In Panik sprang ich auf, rannte im Saal auf und ab und versuchte, möglichst viele meiner oder Marions potenzieller Wähler abzuhalten, uns ihre Stimme zu geben. In knapp drei Monaten war bei mir mit der Arbeit Schluß, wie konnte ich da Vertrauen rechtfertigen? „Wieso regt ihr euch auf?“ wunderten sich die Kollegen. „Eine ernsthafte Chance habt ihr gegen die festen Stimmenblöcke doch eh nicht!“ Trotzdem wollten wir aus der Sache raus. Mir war, als lieferte ich den Beweis, daß es mir mit dem gewerkschaftlichen Engagement der letzten Jahre nie ernst war.

Die Stimmabgabe begann. Marion schimpfte mit mir. Sie war dem Heulen nahe und zitterte am ganzen Körper. Kurz vor dem Ende unserer Zusammenarbeit verwickelte sie sich durch diese leichtfertige Provokation in eine denkbar schlechte Koalition mit mir. Vor Verzweiflung hätte sie beinahe den Saal verlassen und am liebsten gleich morgen die Kündigung eingereicht.

Die Wahlkommission zählte. Ich beschloß, mich öffentlich zu distanzieren, meine Kandidatur rückgängig zu machen, egal wie das Ergebnis der Wahl ausfallen würde.

Die Stimmverteilung: Die vordersten Plätze belegten meine ehemaligen Mitstreiter aus dem Vertrauensleutekörper. Die Fraktion besonders konservativer Sozialdemokraten wurde von der Spitze verdrängt. Marion und ich bildeten die Schlußlichter. Zum Glück genossen wir nicht sehr viel heimliche Sympathien. Dennoch wollte ich aus der Sache raus, runter von der Liste der ÖTV-Kandidaten.

Zum allgemeinen Erstaunen nahm ich meine Wahl nicht an. Laut und deutlich erklärte ich, nicht genug über die Kandidatur nachgedacht zu haben und bat, Ersatz für mich zu benennen. Es wurde unruhig im Saal. Im Wahlvorstand schüttelten sie mit dem Kopf. Zeit zum Überlegen hätte ich genug gehabt. Eine Neuwahl käme nicht in Frage. Die Liste müßte bestehen bleiben, andernfalls sehe es so aus, als könne die ÖTV nicht einmal die Kandidatenliste füllen. Einen Ersatz für mich durch Nachwahl zu benennen, wäre nicht möglich.

Mein Angebot war raus, mein öffentliches Eingeständnis, abenteuerlich gehandelt zu haben, abgelegt. Um der Organisation nicht zu schaden, zog ich meinen Antrag zurück, bat aber alle Kolleginnen und Kollegen, meine Bedenken bei der Peersonalratswahl zu berücksichtigen. „Deine Bedenken sind unsinnig. Die Personalratswahl ist Listenwahl, da spielst du auf dem vorletzten Platz für die Besetzung der zu vergebenden Personalratssitze sowieso keine Rolle", kam der Zuruf eines alten Funktionärs. Mir wurde klar, daß ich vor lauter Aufregung das Wahlsystem verwechselt hatte. Erleichtert setzte ich mich wieder hin. Schließlich war Dummheit in diesem Fall noch die beste Erklärung für mein Verhalten.

Der Auftritt bei der Kandidatenwahl war ein Schlußstrich unter die Gewerkschaftsarbeit, den ich nicht bewußt zog. Mit der Hingabe an die Leckt-mich-am-Arsch-Stimmung gab ich jedes taktische Kalkül auf. Es war der chaotische Nachtrag zu meiner Abkehr von der Gewerkschaftsarbeit, die ich in den letzten Monaten konsequent fortgesetzt hatte. Ich gab es auf, in diesem Rahmen in Fraktionen zu denken und akzeptierte nur noch die wenigen Einzelpersonen als „Verbündete im Geist", mit denen ich mich seit Jahren gut verstand und die wir uns immer noch regelmäßig trafen. Ich gab es auf, im Amt zu agitieren und versuchte nicht mehr, Gegner zu Verbündeten zu machen. Ich freute mich darauf, die unverbesserliche Hälfte meiner Amtskolleginnen und -kollegen nicht mehr lange ertragen zu müssen.

 

Die tägliche Praxis des Planerjobs war der reformistische Kern meines Alltags, um den alle Versuche politischer Perspektivklärung nicht herum kamen. Die Verstrickung in das Knäuel aus sozialrevolutionärer Utopie, reformistischer Praxis und beruflicher Selbstbehauptung war nur durch eine Trennung von der Verwaltungsarbeit zu lösen.

An neuen Ideen und Erkenntnissen zur Stadtentwicklungsplanung mangelte es nicht. Zuletzt waren wir davon überzeugt, daß die Selbsttätigkeit und Selbstorganisation der Bewohner heruntergekommener Viertel eine größere Kraft zur Stabilisierung des Stadtteils darstellen als von privaten Kapitalinvestitionen abhängige planerische Eingriffe. Analog zu linken aber auch zu weitblickenden konservativen Sozialwissenschaftlern anderenorts entdeckten wir die „Selbsthilfe", das umkämpfte Feld der Emanzipation aber auch der Sozialkontrolle. Wir hatten die emanzipatorische Kraft der Selbsthilfe im Auge und wußten doch, daß dieser Ansatz, zum Planerkonzept erhoben und in die Politik der Kommunalverwaltung integriert, zum Instrument politischer Herrschaft werden mußte.

Solange ich Probleme der Stadtentwicklung durch die rosa Planerbrille sah, konnten nur reformistische Strategien zu ihrer Lösung dabei herauskommen, so sehr ich auch den Wunsch im Hinterkopf pflegte, die Konflikte mögen sich zuspitzen, überborden, unkontrollierbar werden, politischen Aufruhr hervorrufen. Es war mein Beruf, Widersprüche zu glätten und nicht sie aufzugreifen. Acht Stunden am Tag läßt sich weder ausschließlich Däumchen drehen noch das Denken abschalten. Wenn Unruhe die Stadt beherrschen würde, zahlreiche Gruppen die erstarrten politischen Verhältnisse zum Tanzen brächten, ja dann wäre vielleicht auch eine andere Berufspraxis möglich ...

Die Vorwürfe der Verantwortungslosigkeit, Faulenzerei auf Kosten der Solidargemeinschaft der Sozialversicherten, politischer Spinnerei und elitär-kleinbürgerliche Haltung bekam ich alle zu hören, aber aus einer Ecke, die mich nicht mehr besonders interessierte. Das soziale und politische Leitbild des gewerkschaftlich engagierten Familienvaters, der sich den Luxus einer solchen beruflichen Konsequenz politischer Überlegungen und Selbstzweifel nicht erlauben kann, habe ich aufgegeben.

Die Kraft, die mir neuen Schwung gibt, steckt nicht in der so definierten Arbeiterklasse. Es ist die Kraft des Zweifels, der suchenden Unzufriedenheit, der großen Träume und Hoffnungen, die den Kreis der Genossen, Freundinnen und Freunde seit zehn Jahren zusammenhält. Nicht der verklärte Blick zurück, sondern die politisch-moralische Verpflichtung zum Widerstand gegen Opportunismus, Stagnation und Fäulnis und die Lust den Durchbruch durch den zubetonierten, immer enger werdenden Horizont zu erzwingen, motivieren uns, weiterzumachen.

Der Amtsleiter zeigte volles Verständnis, als ich ihm das Kündigungsschreiben überreichte. Er beglückwünschte mich zu meinem Entschluß, in der Verwaltung nicht versauern zu wollen. „Die wahre Bewährungsprobe des Architekten und Planers ist die freie Wirtschaft.“

Gerd hielt mich am Arm fest und zog mich zu sich. „Ich habe nicht übel Lust, dir die Fresse zu polieren. Seit 15 Jahren arbeite ich hier im Amt. Du bist der erste, um den es mir leid tut, daß er geht.“

Marion schloß mich in den letzten Wochen oft in ihre Arme. Sehr sanft und zärtlich drückte sie ihren Kopf an meine Schulter. „Bliebest du länger, wäre ich sicher zurückhaltender."

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