ARCH+ 203


Erschienen in ARCH+ 203,
Seite(n) 116-120

ARCH+ 203

Fallstudie 10: Singapurs “Sozialer Wohnungsbau”

Von Bittner, Regina /  Hackenbroich, Wilfried /  Rettich, Stefan

“Change, Change, Change!” – Mit dieser simplen, aber nachdrücklichen Formel verordnete Staatengründer Lee Kuan Yew dem kleinen Inselstaat Singapur in seiner Antrittsrede als erster Premierminister des Landes einen rasanten, bis heute ungebrochenen Modernisierungskurs. Dieses politisch initiierte Projekt kontinuierlicher Transformation adressierte sich an den inneren Kern der gespaltenen, multiethnischen Gesellschaft. Erstaunlicherweise diente Lee und seiner bis heute autonom regierenden Peoples Action Party (PAP) der soziale Wohnungsbau als zentrales Medium für die Bildung einer nationalen Identität.

Singapurs gesellschaftlicher Wohlstand manifestiert sich vor allem in einer stetigen Verbesserung des Wohnstandards. Noch immer leben mehr als 80 % der 4,2 Mio. Einwohner in Wohnungen des Housing Development Boards (HDB), der staatlichen Wohnungsbauorganisation. 90 % der Klientel sind sogar Eigentümer ihrer Wohnungen, die vom Staat für 99 Jahre in Erbpacht vergeben werden. Dies zeigt, wie eng die Bande zwischen dem Stadtstaat und seinen Bürgern geknüpft sind. Es zeigt aber auch, wie eine autoritäre Regierung, die den Staat nach den Prinzipien eines Cooperate socialism führt, humanistische Instrumente wie den sozialen Wohnungsbau für staatliche Kontrolle und zum Zwecke des Machterhalts einsetzen kann.

Singapurs Geschichte ist eine Geschichte der Migration: Aus dem Süden Chinas, aus Malaysia und Indien zogen die Menschen in die prosperierende Hafenstadt. Unter britischer Kolonialherrschaft war die Stadt separiert in ethnische Viertel. Die migrantische Bevölkerung lebte in informellen urbanen Kampongs, die einen dichten Ring um das Stadtzentrum bildeten. Gleichwohl blieb die Insel eingebunden in die dynamischen räumlichen Beziehungen zwischen ihren unmittelbaren Nachbarn und Großbritannien. So stellen sich angesichts Singapurs komplexer Geschichte von vielfältigen Wanderungsbewegungen und unterschiedlichen kolonialen Administrationen und Abhängigkeiten Fragen von Zugehörigkeit, Identität und Ort auf besondere Weise. Mit der Unabhängigkeit sollte dem Vorbild der westlichen Nationalstaaten folgend in der Einheit von Kultur, Territorium und politischer Administration eine unabhängige Nation entstehen – angesichts der komplexen Immigrationsgeschichte ein schwieriges Unterfangen. Die Lösung sahen die neuen politischen Eliten in einer konsequenten Zerschlagung der migrantischen Vergangenheit. Sie bedienten sich dabei eines Modells, das bereits Ende der 1940er Jahre von der britischen Kolonialregierung und ihrer städtischen Entwicklungsbehörde, dem Singapore Improvement Trust (SIT) eingeführt wurde: der britischen Newtown. In der Folge blieb kein Stein auf dem anderen. Singapur besteht heute aus einer losen Aneinanderreihung von 22 modernistischen Newtowns, die durch ein dichtes Highway-Netz verbunden sind. Der letzte Kampong wurde im Jahr 2008 zum Abriss freigegeben, aber auch die Newtowns der ersten Stunde werden seit zwei Dekaden einem Transfomationsprozess unterzogen, dessen inhärentes Gesetz eine radikale Tabula rasa mit dem Ziele fortschreitender Verdichtung bedeutet...

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