ARCH+ 148

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Erschienen in ARCH+ 148,
Seite(n) 13

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Space Invaders - "Positionen des Designs" und "Vision 2000"

Von Meyer, Ulf

In den sechziger Jahren wandelte sich die Volkswirtschaft vom Anbieter- zum Käufermarkt. Produktdesign erlebte deshalb einen Boom, der alle Lebensbereiche erfaßte. Zwei Ansätze standen sich gegenüber: Die nüchterne, betont funktionale Schule der HfG in Ulm und die schrille, psychedelische Welt des Pop. Beiden gemeinsam sind nur der Optimismus und der Fortschrittsglaube.

Zwei Ausstellungen widmen sich derzeit dem Sixties-Design. In der ehemaligen E-Zentrale der Baumwollspinnerei Ermen & Engels zeigt das Rheinische Industriemuseum in Engelskirchen “Positionen des Designs”, während in Köln die “Vision 2000” vom Museum für Design der sechziger und siebziger Jahre präsentiert wird. Die Schau in Engelskirchen beginnt mit dem “Tomotom” von Bernhard Holdawan (1966), einem “Thron für Hippies”. Mit seiner hohen, runden Lehne schirmt er sich gegen die Welt ab und entfaltet monumentale Ruhe. Die Form der unbequemen Sitzlandschaft aus gebogenem Leimholz erinnert an Pril-Blumen.

Gleich daneben steht die rationelle Sitzgruppe im Bonner Abgeordnetenhaus von Dieter Rams. Sie ist praktisch, langlebig, gut verarbeitet und materialgerecht. Als Schüler der HfG und seit 1955 Chefdesigner der Firma Braun war Rams Vertreter der “Guten Form". Seine reduzierten Möbel sollten keine Kunstwerke, sondern zeitlos schöne Gebrauchsgegenstände in zurückhaltenden Farben sein. Rams arbeitete auch bei seinen schnörkellosen Küchen-, Büround Audiogeräten eng mit den Herstellern zusammen. Das sachliche Design wurde für gehobene Käuferschichten jedoch auch zur Prestige-Frage. In der Ausstellung wird behauptet, die HfG sei “unfreiwillig zum Wegbereiter schlechter einfallsloser Massenprodukte” geworden.

Das Wirtschaftswachstum der Sechziger hatte Japan zum Marktführer bei der Herstellung von Uhren, Kameras und Taschenrechnern gemacht. Schnell war eine aufstrebende produktive Industrienation entstanden, die Anschluß an den Westen suchte. Weil der Export preisgünstiger Plagiate zu Importbeschränkungen im Westen führte, war japanisches Design gefordert. Nur wenige Firmen hatten eigene Designer, denn die Kopie galt als Ausdruck des Respekts gegenüber dem Vorbild. Panasonic gelangen überraschend eigenwillige Formen, die von der weltweiten Raumfahrtfaszination inspiriert waren: Radios in UFO-Form und als bunte Würfel, futuristische Fernseher, die an einer Kette hängend im Raum schweben.

Die rote Olivetti-Reiseschreibmaschine in einem leichten Kunststoffkoffer wurde 1969 von Ettore Sottsass entworfen und mit dem “Compasso d'Oro" ausgezeichnet. Der Name “Valentine” sollte auch einem technischen Gerät Persönlichkeit geben. Olivetti hatte schon früh die Bedeutung des Designs als Statussymbol erkannt und 1932 eine eigene Abteilung eingerichtet.

Das wellenförmige Sofa “Djin” von Olivier Morgue hatte seinen großen Aufritt als Requisite in Stanley Kubricks “2001 – Odyssee im Weltraum". Die ScienceFiction-Euphorie wurde ästhetisch zelebriert. Das Sofa wird noch heute in Holland produziert.

Dem Zauber der Mondlandung erlagen selbst Kritiker und inspirierten Designer zu skurrilen Wohnutopien mit Produktbezeichnungen wie “Modell 2001” und “Galaxy 1”. Eine typische Form war die weiß-silberne Kugel des Astronautenhelms.

Das vorherrschende Material der sechziger Jahre war Kunststoff. Der Plastik-Plexi- und Acrylboom begann in den sechziger Jahren mit dem Ende des ersten synthetischen Materials Bakelit. Dessen Verarbeitung war zu langsam und sein düsteres, klobiges Aussehen altmodisch geworden. Keramik, Glas, Holz und Metall gerieten in den Hintergrund. Die schnelle Umsetzung von Ideen sorgte für eine Schwemme von farbigen, wohlgeformten Gegenständen, die allerdings nicht immer ausgereift und bisweilen krebserzeugend, licht- oder temperaturanfällig waren. Niedrige Herstellungskosten und die schnelle Verarbeitung machte Plastik dennoch zum idealen Material für ausgefallene, witzige Experimente. Sitzskulpturen aus Polypropylen und tragfähige Stühle und Tische konnten in einem Guß maschinell hergestellt werden.

In Gesellschaft und Design brodelte es. Vor allem radikale italienische Designer kritisierten Massenkonsum, Wegwerfgesellschaft und Ressourcenverbrauch und wollten sich nicht zu Handlangern der Industrie machen. Nach der Ölkrise 1973 verschwand das Plastik und alternative Ideen für Recycling kamen auf. Populäre, antiautoritäre Designs wie die wellenförmige Sitzlandschaft, die unterschiedlichste Liege- und Sitzvarianten ermöglicht, und der Knautschsack konterkarierten etabliertes Wohnverständnis und bürgerliche Manieren: “Sacco” paßte sich dem Sitzenden an, nicht umgekehrt.

Auch der aufblasbare Sessel “Blow” war ein Angriff auf alte Wohnformen und galt als Inbegriff von Popkultur, Jugendlichkeit und Flexibilität. Als billiges Plagiat ist er wieder aktuell und wird massenhaft auf den Markt geworfen.

Eine utopische Wohnhöhle von Verner Panton hatte 1970 auf der Kölner Möbelmesse für Furore gesorgt. Sie war eine progressive Absage an Omas Wohnzimmergarnitur. Den “weiblichen” Formen wurde eine Sehnsucht nach Geborgenheit im Mutterschoß nachgesagt. Pantons individuelle Wohnwelt “Living Tower” erlaubt verschiedene Sitzpositionen auf vier Ebenen. Panton ist mit dem “PantonChair” und einer Deckenlampe aus Hunderten von Kunststoffkugeln ebenfalls in der Kölner Schau vertreten. Das Museum für Design der sechziger und siebziger Jahre zeigt Industrieprodukte und visionäre Entwürfe, die neue Materialien als Triebfedern des Designs zeigen. Zu den hundert Exponaten zählen das SonyKugelradio “Sputnik”, der Fernseher “Apollo” und die Kompaktanlage “Vision 2000” von Thilo Oerke. Bei Gegenständen des täglichen Gebrauchs und innovativen Möbeln gab es einen Trend zu den “Kugeln der bemannten Raumfahrt”, die vielen Designern als Inspiration dienten, wie bei Danilo Silvestrins Plexiglas-Sessel “Apollo 12 für den Hausgebrauch" für zwei Personen, der sich zu einer Raumkapsel verschließen läßt. Luigi Colanis Wohntürme mit kugelförmigen Bädern und die Kugelküche “für das nächste Jahrtausend" von Poggenpohl (1970) sind in Originalzeichnungen zu sehen.

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