ARCH+ 230


Erschienen in ARCH+ 230,
Seite(n) 8-11

ARCH+ 230

Universalismus – Ansprüche, Probleme und Potentiale

Von Kerner, Ina

Folgt man gängigen philosophischen Nachschlagewerken, wird Universalismus definiert als „Geltungsanspruch bestimmter moralischer und rechtlicher Normen, und zwar derart, dass sie sich auf alle Menschen erstrecken sollen“. Der universalistische Geltungsanspruch ist ein universalisierter Geltungsanspruch; Universalisierung meint hier „ein hypothetisches Verfahren zur Prüfung moralischer bzw. rechtlicher Normvorschläge daraufhin, ob sie sich sinnvoll als universal geltende Normen vorstellen – d.h. entweder überhaupt denken oder jedenfalls ernsthaft intendieren – lassen“.

Dass ein hypothetisches Prüfverfahren in diesem Zusammenhang hinreichend erscheint – anstatt etwa realer Diskussionen aller Betroffenen, wie auch immer diese, in direkter Form oder durch Repräsentant_innen, praktisch zu organisieren wären –, liegt am Prüfkriterium der Universalisierbarkeit. Diese wird unterschiedlich verstanden, oftmals als „rationale Begründbarkeit eines Urteils“ beziehungsweise als „Kennzeichen der rationalen Begründbarkeit moralischer Urteile“, oder auch, stärker umsetzungsorientiert, als Annahme, „dass Normen mit universaler Geltung aufgrund von (rechtlicher) Aushandlung unter unterschiedlichen sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen implementiert werden können“.

Die Ambivalenzen des Universalismus werden bereits in diesen Kurzdefinitionen offenkundig. Auf der einen Seite steht der Geltungsanspruch, der alle Menschen einschließt. Auf der anderen Seite scheint die Genese universaler Normen sehr gut ohne größere, geschweige denn allgemeine Beteiligung auszukommen: Die Prüfverfahren sind hypothetisch, die Begründungsmuster rational, die Wünschbarkeit einer Implementierung in den unterschiedlichsten Kontexten wird stillschweigend vorausgesetzt.

Angesichts dieser Ambivalenzen liegt es fast nahe, dass die universalistischen Prinzipien, die tief in der westlichen Denktradition verankert sind, nicht unhinterfragt geblieben sind. In Frage steht dabei die Unterstellung, dass Verfahren der hypothetischen Prüfung und der rationalen Begründung zum Zweck der Universalisierung tatsächlich hinreichend seien; ob der Versuch, entbunden vom Kontext über den Kontext transzendierende Normvorschläge nachzudenken, überhaupt als sinnvoll betrachtet werden kann; und schließlich die zumindest implizite Annahme, dass man der eigenen Kontextgebundenheit durch Rationalität entkommen könne.

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